Ein großer Chor
Kürzlich hatte ein neuer Film von Terrence Malick, „A hidden life“, in Cannes Premiere. Erzählt wird
die Geschichte Franz Jägerstätters. Der Titel des Films stammt von der britischen Autorin George
Eliot, deren wunderbarer Satz am Schluss des Films zitiert wird: „Das Wachstum des Guten in der
Welt hängt in gewissem Grade von unhistorischen Taten ab, und dass die Dinge für dich und mich
nicht so schlecht bestellt sind, wie sie es hätten sein können, verdanken wir zum großen Teil jenen,
die getreulich ein Leben im Verborgenen gelebt haben und in Gräbern ruhen, die niemand besucht.“
Freilich kann ich mich fragen, was mit so einem Satz anzufangen sei, der auf Vorgänge verweist,
die sich ohnedies meiner Kenntnis entziehen. Ich kann mich aber von diesem Satz auch auf etwas
hinweisen lassen. Er lässt mich das eigene Leben und das Leben der Menschen um mich herum in
einem anderen und neuen Licht sehen. Es ist, als würde dort, wo bisher tiefes Dunkel alle Gestalten
verschlungen hat und nur einzelne herausragende Figuren wahrnehmbar waren, nach und nach
Gesichter auftauchen, Menschen erkennbar werden. Als würde ein scheinbar totes Feld nach und
nach belebt werden von einer unübersehbaren großen Schar still strahlender Männer, Frauen und
Kinder. Als wären nicht nur da und dort die lauten Stimmen einzelner Solisten zu hören, sondern
nach und nach die Stimmen vieler Menschen. Als sänge ein Chor aus unfassbar vielen eine nie gehörte
Melodie, ein wunderbares Lied. Als würden alle diese Menschen gehen, einander bei den
Händen fassend, einander stützend und bewahrend vor jedem Fall, singend und leuchtend, ein von
aller Last, von aller Bedrohung befreites Volk.
Welche mir unbekannten Menschen haben mit ihren mir unbekannten Taten, ihrem still gelebten Leben
die Voraussetzung meines Lebens geschaffen? Wer nur einmal etwas eintaucht in die verschwiegenen
Bereiche seines eigenen Lebens, in das Geflecht von Begegnungen, die den Grund
seines Lebens ausmachen, aus dem es emporwächst und sich entfaltet und in dem es tief verwurzelt
ist, der wird staunend erkennen, dass er getragen ist von vielen, dass er auch in den einsamen
Momenten nicht allein ist, dass er eingebettet ist in ein ihn tragendes und nährendes Fluidum, dessen
Gegenwart er nicht immer wahrnimmt und das doch als Grund tiefer Freude immer gegenwärtig
bleibt.
Niemand besucht die Gräber der vielen, die im Verborgenen den Reichtum und den Zauber unseres
Lebens bereitet haben. Aber es kommt ja gar nicht darauf an, an Gräbern zu stehen. Es kommt darauf
an zu erkennen, dass uns von weither ein wunderbarer Reichtum des Lebens trägt, dass uns
aus der Enge unseres Alltags ein Lied ins Freie und Offene lockt, dass viele vor uns angestimmt
und mit Hingabe gesungen haben, ein großer Chor, der uns vorangeht, in dessen Gesang wir einstimmen
und dessen Musik als kostbarer Schatz von uns weitergegeben wird.
Das für den Sommer und als Dank für das vergangene Jahr!

Das große Entgegenkommen

Die mächtigen Stiegenhäuser barocker Schlösser und Paläste dienten nicht einfach einer Überwindung von Höhenunterschieden, sondern vielmehr der rituellen Darstellung von Höhenunterschieden. Bei offiziellen Anlässen war am Fuß der Treppe ein kundiger Lakai plaziert. Durch vereinbarte Signale gab er nach oben bekannt, welchen gesellschaftlichen Rang der neu ankommende Gast jeweils einnahm. Der Gastgeber und Schlossherr stand oben und kam dem Gast dessen Rang entsprechend mehr oder weniger weit entgegen. Waren es sehr hoch gestellte Gäste, begab sich der Gastgeber zu ihrem Empfang bis zum Fuß der Treppe.

Heute sind die barocken Stiegenhäuser Überreste einer vergangenen Zeit, und die Auf- und Absteigenden werden von Schaulust oder rastloser Geschäftigkeit in Bewegung gehalten. Es haben sich längst andere Orte gefunden, wo deutlich gemacht werden kann, wer oben und wer unten steht, wer es zu etwas gebracht hat und wer sich hinten anstellen muss. „Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.“ (Mt 20, 26)

Diese Aussage Jesu kehrt die gewohnten Verhältnisse nicht um. Die Unterschiede bleiben erhalten. Es gibt Erste und Letzte, Starke und Schwache, hoch Angesehene und Übersehene, Leute oben und Leute unten. Doch nun setzt sich der Hausherr nicht erst dann in Bewegung und steigt die Treppe hinab, wenn ihm ein besonders hochrangiger Gast gemeldet wird. Er benützt auch den gegebenen Höhenunterschied nicht zur Darstellung seiner eigenen Bedeutung. Nun kommt der Hausherr auch dem entgegen, der kein Ansehen genießt, der möglicherweise sogar verachtet, abgetan, übersehen wird. Das große Entgegenkommen Gottes erweist sich in der Suche nach dem Verlorenen. Was ist in unserer Gesellschaft verloren gegangen? Die Liebe zum Fremden – die Ehrfurcht vor der Person des Anderen – die Wertschätzung von Lebewesen und Dingen um ihrer selbst willen – der Sinn für Stille und für Schönheit … Es ließe sich noch einiges nennen.

„Nur noch ein Gott kann uns retten“ hat Martin Heidegger in einem nach seinem Tod veröffentlichten Interview gesagt (Der Spiegel, 31. 5. 1976) Das mag schon sein. Aus christlicher Sicht kann gesagt werden, er habe es ja schon getan. Er ist uns ja bereits entgegengekommen, bis an das Ende der Stiege. Was ist meine Antwort? Ein möglicher Beginn wäre, aus der Straßenbahn auszusteigen, wenn einer Mutter mit Kinderwagen beim Einsteigen zu helfen ist. Oder so zu sprechen, dass mein Reden nicht die Selbstdarstellung meiner Gescheitheit ist, sondern dem anderen gegenüber ein Entgegenkommen, keine Herablassung, darstellt. Pfingsten ist keine Herablassung, sondern das Fest eines großen Entgegenkommens.

Ein schönes Pfingstfest! Gustav Schörghofer SJ

Vor genau vier Jahren, am 24. Mai 2015 schrieb Papst Franziskus seine Sorge für das gemeinsame Haus in der Enzyklika LAUDATO SI‘ nieder, die Sorge über die Zukunft unserer Erde. Laudato si‘ – nach dem Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi. „In diesem schönen Lobgesang erinnerte er uns daran, dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt.“(LS 1) (Alle Zitate aus Laudato si‘).
„Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade auf-wachsen?“(LS 160). Papst Franziskus appelliert an „jeden Menschen, der auf diesem Planeten wohnt“(LS 3) und wünscht sich angesichts der weltweiten Zerstörungen eine „neue universale Solidarität“(LS 14): Nicht die Technik wird unsere Probleme lösen, sondern eine Veränderung des Menschen (LS 9).
Papst Franziskus vertraut auf die Kraft der Zivilgesellschaft und den Tatwillen von Menschen, die „vereint in ein und derselben Sorge“(LS 7-9) sich für das Gute entscheiden.
Wir setzen daher im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen einen initiativen Schritt der Hoffnung, der in eine enkeltaugliche Zukunft weist. „Wir wissen, dass sich die Dinge ändern können“(LS 13), und wir besitzen noch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten. Darauf bauen wir auf.
Die Aktion setzt einen Beginn. Für eine Bewegung, die sich in der Folge von Pfarre zu Pfarre ausbreitet und Menschen im gemeinsamen Tun für eine enkeltaugliche Zukunft vereint.
Alle sind herzlich eingeladen, stundenweise oder länger
an unserer Aktion zum Mitmachen teilzunehmen!
Beginn ab 17 Uhr zu jeder vollen Stunde in der Kirche. (Programm s. Lange-Nacht-Handzettel)
Die Workshops: Kreativarbeit zu den Themen Ernährung, Mobilität, Wohnen, Konsum.
Die Aufgabe: Wie mache ich meinen Lebensstil schrittweise zukunfts- und enkeltauglich?
Wir arbeiten in kleinen Gruppen an mehreren Tischen, begleitet von ‚Hebammen des Wandels‘.
Nach einer Einführung werden im Gespräch untereinander persönliche Beiträge zum Wandel vorgeschlagen und auf einem Gruppen-Poster präsentiert.
Um 22 Uhr Nachtgebet für unsere Erde, dankbares Feiern zum Ausklang der Langen Nacht mit Texten, Gebeten und viel Musik zum Mitsingen mit Clarissa und Bernhard Pohorec.
Wir widmen dieses Anliegen und diesen Abend besonders unserer Freundin Christine Schwarz, die am 24. Mai dieses Jahres ihren 60. Geburtstag feiern wollte. Sie ist am 2.11.2018 gestorben.
„Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorge um diesen Planeten
uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen.“ (LS 244)

Für das Lange-Nacht-Team
Gertrud Baumgartner und Gerhard Frank

Der Raum der Liebe

Ich habe eine lebhafte Phantasie. Besonders kreativ ist sie im Erfinden von Katastrophen. Alle meine Vorhaben und Unternehmungen werden von Katastrophenahnungen begleitet. Ohne die Vorstellung von Katastrophen mache ich gar nichts. Und was ich mache, das geschieht alles trotzdem. Ich lasse mich von den vorgestellten Katastrophen nicht davon abhalten. Die vorgestellten Katastrophen treten meistens nicht ein. Und die wirklichen Katastrophen habe ich mir nicht vorgestellt. Die wirklichen Katastrophen waren sogar meiner Phantasie unzugänglich.

Meine Katastrophenahnungen haben mich dazu geführt, das Gelingen von Vorhaben und Unternehmungen als Geschenk zu erkennen. Es könnte ja alles auch ganz anders kommen. Wer viel mit Menschen zu tun hat und auf die Hilfe von anderen angewiesen ist, wird bald entdecken, dass alles gemeinsame Tun im Wohlwollen der anderen gründet. Dieses Wohlwollen lässt sich weder erzwingen noch durch Belohnungen erkaufen. Es ist freies Geschenk. Das freie Geschenk des Wohlwollens schafft den Raum der Liebe. Der Raum der Liebe schenkt dem Leben Freiheit zur Entfaltung.

Ein Raum der Liebe entsteht dort, wo das Wohlwollen in der Zuwendung zum anderen Menschen und zur Welt im Allgemeinen konkrete Gestalt annimmt. Konkrete Gestalt nimmt das Wohlwollen dort an, wo jemand für die anderen das tut, was ihm oder ihr wichtig ist, was sie können, gelernt haben, wovon sie begeistert sind, wofür sie brennen. Mit „nett und freundlich sein“ fängt das an und geht weit über die Grenzen der eigenen Welt hinaus und immer neu auf Fremdes ein. Die Liebe ist immer auf Eroberungszug. Anders kann sie nicht sein. Daher ist der Raum der Liebe ein atmender, ein sich expandierender Raum.

Der Raum der Liebe ist von Katastrophen umlagert. Es gibt ihn trotz aller Katastrophen, er wächst wider die Logik der Katastrophen, er nimmt Gestalt und Größe an, obwohl alles gegen dieses Wachstum spricht. Die Phantasie erschafft viele Vorstellungen von Katastrophen. Doch die wirklichen Katastrophen sind anders als die vorgestellten. Wirkliche Katastrophen unserer Zeit sind die Bequemlichkeit und ihr Zwillingsbruder, das atemlose Streben nach dem eigenen Vorteil. Sie erwürgen jedes Wohlwollen. Dabei war es Wohlwollen, das Jesus aus dem Grab erstehen ließ. Die Bequemlichkeit hätte ihn im Grab gehalten, das Streben nach dem eigenen Vorteil gar nicht in den Tod gehen lassen. Der Raum der Liebe ist trotz dieser Katastrophen geschaffen worden und wächst durch uns trotz aller Katastrophen. Ich sehe die Pfarre als einen Raum der Liebe.

Gesegnete Ostern! Gustav Schörghofer SJ

Trocken Brot

Nach langen Jahren habe ich kürzlich wieder jenen wunderbaren Film gesehen, in dem Orgelmusik von Johann Sebastian Bach dann erklingt, wenn das Reden verstummt, Stille herrscht, da keine Antworten mehr zu geben sind, die in Worte gefasst werden könnten. Ermanno Olmi zeigt in dem 1987 fertiggestellten „L´albero degli zoccoli“ das Leben armer bergamaskischer Bauern am Beginn des 20. Jahrhunderts. Vier oder fünf Familien leben auf einem Bauernhof. Sie haben einen Gutteil der Ernte dem Grundbesitzer abzuliefern. Ihr Besitz ist so gering, dass er auf einem Pferdewagen Platz findet. Kinder und Erwachsene arbeiten hart. Es reicht immer nur zum nackten Überleben. Und doch zeigt der Film eine Welt, die ganz nah am Wunder lebt, hautnah an einem großen Geheimnis. Die Menschen sind fromm, Gebete begleiten ihr Leben. Doch das ist es nicht allein. Die Nähe zum Wunderbaren kommt in alltäglichen Ereignissen zur Erscheinung, in Gesten, in kleinen Worten, in unscheinbaren Handlungen. Sie kommt in der großen Stille des Vergangenen zur Erscheinung, die diesen Film regelrecht tränkt und durch die Musik hörbar wird.

Wie kommen wir heute in die Nähe des Wunders? Wie kommen wir in die Nähe der Dinge, wo ihre Ursprünglichkeit offenbar wird, das ganz und gar nicht Selbstverständliche ihrer Gegenwart? Wie kommen wir dahin, dass uns die Dinge wieder berühren, dass wir an den Rand eines Geheimnisses geraten, staunend hautnah zum Wunder?

Wir sind übersättigt, vollgestopft mit Eindrücken, vollgestopft mit Bedürfnissen und dauernd bedrängt von all dem, was diese Bedürfnisse befriedigen soll. Um uns herum lagern sich immer mehr Dinge ab, nicht mehr Gebrauchtes, nicht mehr Interessantes, nicht mehr Verwendbares. Wir verbrauchen Welt und Menschen. Die Erinnerung an Vergangenes gleicht einer Müllhalde, einem Berg von Abfall.

Die Nähe zum Wunder muss ich wollen. Ich muss lernen, dass das Wunder nicht in Zukunft zu entdecken ist, sondern in all dem, was ich als Verbrauchtes hinter mir gelassen habe. Mit dem Blick auf Vergangenes kann ich entdecken, dass mich das Wunder schon immer begleitet hat, das ich ihm immer schon nahe war. Ich kaue das trockene Brot der verworfenen Dinge und entdecke den Geschmack des Geheimnisses. Ich kaue das trockene Brot der schlichten Gesten, der hilflos scheinenden Zuwendung, der kleinen Worte. Ich kaue das trockene Brot all der schlechten Erfahrungen, der mir zugemuteten Gemeinheit, der erlittenen Ungerechtigkeit. Und ich entdecke, dass mich all das weit mehr in die Nähe des Wunders geführt hat als die Annehmlichkeiten eines mit Begehrenswertem vollgestopften Lebens. Das Wunder ist nahe. Um es hautnah zu verspüren, muss ich mich allerdings meiner Habseligkeit entledigen.
Eine schöne Fastenzeit! Gustav Schörghofer SJ