IN PRINCIPIO
Der Anfang ist nicht das erste. Vor dem Anfang ist eine Stille. Es muss eine Stille sein. Und dann kommt Anfang. Er geschieht aus der Stille heraus. Was geschieht, folgt einem Ruf. Der Dirigent holt tief Luft. Er gibt ein Zeichen, die Musik beginnt. Am Beginn der Messfeier hole ich Luft, atme ein, rufe der Gemeinde zu, und sie antwortet. Die Gemeinde macht den Anfang. Das Orchester macht den Anfang. Dieser Anfang bedarf der Stille. Die Stille ist notwendig, damit der Zuruf, das Zeichen vernehmbar sind. Auch die Liebe wird wachgerufen. Auch sie folgt einem Zuruf, einem Duft, einem Bild, einem Klang. Irgendetwas ruft die Liebe wach, und sie nimmt ihren Anfang. Mit dem Glauben ist es das Gleiche.
Wenn sich das Orchester, die Gemeinde, der andere Mensch dem Zuruf verschließen, dann gibt es keinen Anfang. Dann bleibt alles still. Oder, und das ist die heute eher erfahrbare Form, es geht alles in Lärm und Geschrei unter. Denn im Getöse der Bilder, einander überschreiender Signale geht der Ruf unter. Wenn alle fuchteln, verschwindet der Dirigent. Doch wer genau hinsieht und eine Ahnung von dem hat, was ein Dirigent ist, wird die besondere Form seiner Bewegungen erkennen können. Wer eine Ahnung von Sprache hat, wird inmitten des nichtssagenden Geschwätzes den Klang eines Gedichts erkennen. Wer eine Ahnung von Liebe hat, eine Ahnung von Gott, wird auch inmitten der Wüsten des Alltags die Zeichen ihrer Gegen-wart erkennen.
Doch wer hat schon eine Ahnung von Gott? Ich würde sagen, dass jeder Mensch eine Ahnung von Gott be-sitzt. So wie es keinen unmusikalischen Menschen gibt, gibt es auch keinen, der religiös unmusikalisch wä-re. Worin besteht nun diese Ahnung? Wenn ich still werde, kann es geschehen, dass ich das, was um mich herum geschieht, als eine Art Zuruf wahrnehme, nämlich als etwas, das mich meint, mich anspricht, mich berührt. Das sind in der Regel sehr unscheinbare Gegebenheiten, ein Lichtstrahl, ein Vogel, ein Blatt, die Oberfläche des Wassers, das Lächeln eines Kindes, der Klang einer Stimme, vieles anderes. Sie rufen in mir etwas wach. Ich erfahre die Welt wie neu. Sie kommt mir gewissermaßen entgegen, einem Geschenk gleich tut sie sich vor mir auf. Ich kann mit ihr einen neuen Anfang machen. Aus der Kindheit sind solche Erfahrungen allen bekannt. Die Erwachsenen verlernen diesen unverbrauchten Zugang zu den Dingen. Doch er wird ihnen immer wieder neu ermöglicht. Von mir hängt es ab, ob ich mich diesen Erfahrungen öffne.
Der Glaubende wird sagen, es sei Gott, der in all diesen Begegnungen nach mir rufe. Doch auch für den Nichtglaubenden ist die Erfahrung dieselbe. Die Möglichkeit des neuen Anfangs mit sich, mit anderen Men-schen, mit der Welt wird allen geschenkt. Wer sich dieser Möglichkeit auftut, steht immer neu am Anfang und entdeckt immer neu den Zauber des Lebens.
IN PRINCIPIO Gustav Schörghofer SJ


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Anders als erwartet
Worauf warten wir, wenn wir warten? Wir stehen in Schlangen, auf Bahnsteigen, vor Bahnschranken, sitzen im Auto, im Zug, im Flugzeug, wir warten auf das Ende der Vorstellung, des Regens, der Nacht. Aber worauf warten wir? Nur, dass etwas vorübergeht, dass wir endlich an der Reihe sind? Kann das Warten schön sein? Kann es wunderbar sein, voll Zauber und stiller Spannung? Kann es dem Leben etwas Großes geben? Ich habe Menschen kennengelernt, die auf den Tod gewartet haben. Viel mehr Menschen warten aber auf das Leben, dass es sich auftut vor ihnen als ein weites Land, als ersehnte Fülle. Wir warten immer. Wir warten auf das Leben.

Ein Kind hat mir einmal die Ankunft der U-Bahn beschrieben: Zuerst ein leises Donnern, dann kommt der Wind, dann das Licht und dann ist sie da. So kann das Unerhörte in unser Leben einbrechen, Donnern, Wind, Licht, Ankunft. Wäre es nicht möglich, so zu leben, dass diese Ankunft, dieses Ankommen bei mir, bei uns immer neu erfahren wird, mitten im Alltäglichen, mitten im Normalen. Vielleicht geschieht es auch. Ich bin aber unempfänglich für das Staunenswerte geworden, weil alles geplant, vorhersehbar, kontrollierbar geworden ist. Immer kommt das bei uns an, was wir selber gemacht haben, nie etwas Fremdes, Überraschendes, nie etwas Neues, noch nie Dagewesenes.

Es ist langweilig geworden in der Welt. Die Christbäume müssen immer früher leuchten, die Geschenke immer üppiger aufgebaut werden, die Fröhlichkeit immer aufdringlicher, die Begleitmusik immer greller werden. Wir erwarten Bedrohliches, Böses. Wir haben verlernt, auf die Ankunft des Wunderbaren zu warten, auf etwas, das von uns nicht vorhersehbar und nicht planbar ist. Daher wird die Welt langweilig.

Aber ist die Welt das wirklich, langweilig? Ist nicht das langweilig, was wir aus der Welt gemacht haben. Ich muss nur ein wenig in die Stille tauchen, ein wenig ins Dunkel gehen, und schon tut sich ein Raum auf, der groß und weit und schön ist. Mit einem Mal bekommen die alltäglichen Dinge, ein Lächeln, eine unscheinbare Bewegung, ein Laut, ein Geräusch einen ungeahnten Glanz. Denn sie verstehen sich nicht von selbst. Sie kommen mir wie ein Geschenk, wie etwas Unerwartetes und Neues entgegen. Dort, wo die Wunder in grellem Licht offengelegt werden, verschwinden sie. Wenn sie verborgen gehalten und erwartet werden, geben sie sich zu erkennen. Aus dem Verborgenen tritt mir die Welt immer neu entgegen. Sie gibt sich zu erkennen und ist schön.

Weihnachten hat mit dem Dunkel zu tun, mit der Finsternis und dem Warten auf Licht, mit dem Verborgenen und dem Ausharren, mit der Stille und dem Wachen. Es ist ein Fest des Unscheinbaren und des Kleinen. Wir warten auf das Leben. Das Leben kommt uns entgegen. Aber es schaut anders aus, als wir es erwartet und erwünscht haben. Viel schöner, zauberhaft und wunderbar.

Einen schönen Advent Gustav Schörghofer SJ

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Am 22. Juni 2018 sind fünfzig Jahre seit der Weihe der Konzilsgedächtniskirche vergangen. Der Raum dieser Kirche hat nichts von seiner Frische und Kraft verloren. Er ist zu lieben, dieser weite Raum, den fassadenartige Wände umstehen wie einen Platz, den das Licht des hellen Tages erfüllt und der einen im Dunkel ge-borgen sein lässt wie in einer Grotte. Es ist wunderbar, barfuß oder in Socken auf dem Teppichboden zu gehen. Die Kinder entdecken das als erste. Sie laufen und spielen. Ja, es ist ein Raum für Menschen in Bewegung, für solche, die sich bewegen lassen und etwas ahnen vom Strömen einer großen Liebe. Die quad-ratische Konzilsgedächtniskirche ist von den Ecken aus zu betreten. Es gibt keinen Haupteingang, kein dominierendes Kirchenschiff. Diese Architektur verweigert sich dem, was im 20. Jahrhundert so beliebt war: dem mächtigen Anspruch einer Aufmarschstraße. Sie sammelt vielmehr von allen vier Seiten, aus allen Himmelsgegenden sammelt sie zu einer Mitte hin und verdichtet das Gesammelte. Im Zentrum steht der mächtige Stein des Altars, kein Mensch. Kinder lieben diesen Ort, wenn sie unter dem Altar Zuflucht suchen. Was hier stattfindet, ist gemeinsames Tun, Singen, Beten, Reden, Hören, Loben, Preisen, Klagen, Fra-gen, Suchen.

Am 11. Oktober wird ein neues Kunstwerk in der Konzilsgedächtniskirche vorgestellt werden. Über den Altar wird Katharina Heinrich ein Netz spannen. Genauer gesagt ist es kein Netz, sondern eine Art Gewebe, Kunststoffschnüre, die wie Kette und Schuss ineinander gearbeitet sind. Der Titel der Arbeit, Durchdringung, weist darauf hin, dass sich zwei Ebenen begegnen, eine horizontale und eine vertikale. Beide Ebenen sind etwas gegeneinander versetzt, die eine leicht aus der Mittelachse der anderen geschoben. Die Spannung von strenger Form und Unregelmäßigkeit wird nicht nur durch diese Abweichung erzeugt, sondern auch durch die lockere Führung der Schnüre. Sie sind nicht straff gezogen, sondern haben viel Spielraum.

Normalerweise bietet mir der Sommer die willkommene Gelegenheit, mehr nachzudenken. Auch heuer war es wieder so. Normalerweise habe ich ja eine Menge Dinge zu tun, die andere von mir erwarten. Aber nie-mand sagt mir, wie ich das tun soll. Letztendlich gibt es auch einen weiten Bereich, wo mir, um ehrlich zu sein, niemand sagt, was ich zu tun habe. Das ist natürlich wunderbar. Denn so kann ich selber die Ausrich-tung meines Tuns bestimmen.