Der Sommerkoffer
Kürzlich habe ich einem Kind ein Stück Weihrauch geschenkt, einen kleinen Brocken Harz aus dem Oman, fein duftend. Wenn das Harz erwärmt wird und sich Rauch bildet, erfüllt der Duft den Raum. Doch das Kind fragte mich, ob es das Stück in seinen Sommerkoffer geben dürfe. Dort, in diesem kleinen Sommerkoffer, werden die Kostbarkeiten des Sommers aufbewahrt. Das hat mir sehr gefallen: Ein Sommerkoffer, in dem versammelt ist, was mir in diesem Sommer geschenkt wurde, Erinnerungen, Entdeckungen, Kostbarkeiten aller Art.
Beim Schwimmen habe ich, auf dem Rücken flach im Wasser liegend, eine Entdeckung gemacht. Mit einem Mal ist mir bewusst geworden, dass ich ja getragen werde, und wie wunderbar es ist, getragen zur werden. Unter mir tiefes Wasser, und ich sinke nicht. Ich werde getragen. Es lohnt sich, dieser Erfahrung Raum zu geben und darauf zu achten, wie tief sie allem, was ich erlebe, was ich weiß, was mir widerfährt innewohnt. Vielleicht ist es ein Glück, dass ich das so erfahren darf, aber ein Glück, das ich mit anderen teilen will.
Getragen werden wir von unserem Körper, von unserem Verstand. Getragen werden wir von Überliefertem, von unserer Geschichte, unserer Erfahrung, unseren Erinnerungen. Uns tragen eigene Entscheidungen und die Entscheidungen anderer. Uns tragen die Fähigkeiten anderer, fachliches Können, berufliches Engagement. Uns tragen Menschen, die uns nahe sind, und auch solche, die wir kaum oder gar nicht kennen. Uns trägt ein Staat, ein Volk, eine Völkergemeinschaft. Wie vieles lässt sich hier nennen und entdecken! In all dem schwingt auf geheimnisvolle Weise noch etwas anderes mit. Wir werden getragen von einer großen, tiefen Liebe. Es ist, als hätten wir ein Meer unter uns, tausende Meter tief, unergründlich. Es könnte uns verschlingen. Doch das Wasser trägt. Wir werden getragen.
Was ich beim Schwimmen entdeckt habe, erfüllt mich mit Dank. Ich habe diese Entdeckung in meinem Sommerkoffer bewahrt. Sie schenkt mir etwas Wunderbares, nämlich Gelassenheit. Doch ich fange schon an, den Sommerkoffer wieder zu öffnen. Am liebsten ist mir, wenn all diese wunderbaren Entdeckungen mit anderen geteilt werden und wie duftender Rauch einen gemeinsamen Raum erfüllen.
Viel Freude miteinander und aneinander! Gustav Schörghofer SJ

Wie entsteht ein atmender Raum?
„Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebens-atem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7) „Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ (Joh20,21-23)
Zweimal ist in diesen Texten vom Anhauchen die Rede. Am Beginn der Schöpfung entsteht der Mensch als lebendiges Wesen durch den Atem Gottes. Nach der Auferstehung Jesu werden die erstarrten Jünger zu neuem Leben erweckt, ebenfalls durch Anhauchen. Der Mensch atmet ein und atmet aus, er empfängt und wird gesandt, er nimmt auf und er gibt weiter. So entsteht ein atmender Raum.
Ein atmender Raum entsteht dort, wo ich empfange und mich beschenken lasse, und wo ich bereit bin, das Empfangene weiter zu geben. Ein schönes Bild dafür sind überfließende Brunnenschalen oder das in einem Krug überschäumende Bier. Das Entstehen eines atmenden Raumes setzt voraus, dass ich mich als Empfan-genden begreife, dass ich wahrnehme, wie sehr ich der Beschenkte bin. Wie vieles erhalte ich, ohne dass ich mich darum bemüht hätte, ohne dass ich es verdient hätte, ohne dass ich darauf einen Anspruch gehabt hätte. Wenn ich mir dessen bewusst werde, schwindet die Angst davor zu kurz zu kommen, leer auszugehen oder benachteiligt zu werden. Ich lebe in einem Strom der Gaben, in einem nicht endenden Entgegen-kommen. Wenn ich das weiß, werde ich bereit sein, auch selber zu geben, das Empfangene durch mich hin-durchströmen zu lassen und andere zu beschenken. Dafür habe ich all das erhalten. Ich kann es nicht für mich bewahren, kann es nicht in mich verschließen. Es muss durch mich anderen mitgeteilt werden. So ent-steht ein lebendiger, ein atmender Raum.
Eine Pfarrgemeinde ist ein atmender Raum. Sie gleicht jener Erde, die Gott durch seinen Lebensatem be-lebt. Und sie ist wiederum der Lebensatem in dem aus Erde, aus Stein, aus Beton errichteten Gebäude der Kirche. In diesem Gebäude geschieht etwas, wird etwas gefeiert, das von dort ausstrahlen soll, das aus-strömen soll in alle Bereiche des Lebens, dass sie durch die versöhnende Macht der Liebe verwandelt wer-den. Atmender Raum im Kleinen des Gebäudes der Kirche und der Gemeinde und im Großen einer Kultur, einer Gesellschaft, eines Staates.
Vielleicht bietet der Sommer mehr als andere Zeiten Gelegenheiten, mich beschenken zu lassen - von der Wärme der Sonne, vom Rascheln der Blätter, von den Stimmen naher Menschen, vom Rauschen des Was-sers, von tausend Dingen, die mir im Gewirr des Alltäglichen oft entgehen.
Gott ist in allem entgegenkommend – im wahrsten Sinn des Wortes.
Einen schönen Sommer! Gustav Schörghofer SJ

Für die Zeit nach Pfingsten
An ferne Galaxien denken, an kreisende bunte Nebel unzähliger Sterne, an die Vorgänge im Inne-ren der Sonne denken und an jene im Inneren eines Atoms, an die Planeten denken auf ihren Bah-nen um die Sonne und an das stille Kreisen des Mondes um die Erde, den Wind in den Bäumen hö-ren und die zarten Lindenblüten, ihr Aufblühen und Welken vor Augen haben, den Duft der Linden, das Keimen frisch gesäten Grases, die liebevollen Gesten vieler Menschen Tag für Tag, ihre unge-trübte Aufmerksamkeit, an den hochgewölbten Leib von Raphaela denken, an das Kind in ihr, das schon knapp vor der Geburt sich regt und sein wunderbares eigenes Leben entfaltet, an die Schwalben denken, die in spitzen Winkeln rasend schnell auf und ab und hin und her sausen, an das Schreiten der Krähe, ihr wachsames Wandeln, stets geahnter Gefahren gewärtig, das Pochen des Pulses spüren, an das Strömen des Blutes denken und an die unfassbare Vielfalt des Lebens im Darm, an das Denken denken und die Gestaltwerdung der Sprache, Wörter, Sätze, Bilder, Zeichen, Gesten. Und daran denken, dass all das geschieht ohne mein bewusstes Planen, Organisieren, Kon-trollieren. Es geschieht aus sich heraus, frei, von selbst.
Jesus hat das Himmelreich in Bildern dargestellt. Immer wieder ist vom Wachsen die Rede, doch dieses Wachsen geschieht von selbst. Es ist von einem verborgenen Schatz die Rede oder von einer besonders kostbaren Perle, doch diese Schätze müssen entdeckt, sie können nicht erarbeitet wer-den. Nie ist davon die Rede, dass es sich beim Himmelreich um etwas handelte, das durch planmä-ßiges Vorgehen organisiert, durch harte Mühe erkämpft werden müsste, dessen Realisierung ei-nem professionellen Wirken zu verdanken wäre. Das Angestrengte unserer gegenwärtigen Gesell-schaft, ihr Bemühtes in zahllosen Kontrollen, in Strukturen und Organisationsentwicklungen ist hier nicht zu finden, auch nicht ihr rastloser Verbesserungstrieb und Erneuerungsdrang. Hier redet und handelt einer, der die Welt im Großen sieht und in ihr das Wirken eines allgegenwärtigen Geistes.
An diesen Geist denken. Daran denken, dass er in mir wirkt. Daran denken, dass er in anderen wirkt. Und dieses Wirken Tag für Tag entdecken, immer neu, mit staunenden Augen und wachen Ohren, mit feinem Gespür und dem rechten Riecher. Und so eine Gelassenheit einüben, die in den überanstrengten Welten der Allesorganisierer schon längst nicht mehr anzutreffen ist. Die Gelas-senheit des Aussteigers, der weiß, dass er im Leben geborgen ist.
Gustav Schörghofer SJ

Eine Entdeckung
In den Erzählungen von Franz Kafka kann es geschehen, dass sich mit einem Mal das Gewohnte, all-täglich Vertraute ganz anders zeigt, dass mit einem Mal eine verborgene Tür aufgeht und sich ein neuer Zugang zu jener Welt eröffnet, die schon längst bekannt und immer gleich zu sein scheint. Das sind überraschende, bei Kafka manchmal auch erschreckende Entdeckungen. Dort, wo alles normal seinen alltäglichen Lauf nahm, wird mit einem Mal die Welt anders und neu.
Kürzlich habe ich eine Entdeckung gemacht. Es ist gerade so, als würde sich durch eine bisher nicht beachtete Tür ein neuer Zugang zur scheinbar längst bekannten Welt eröffnen. Es geht dabei um Hingabe. Hingabe hat mich schon lange beschäftigt. Normalerweise wird sie im Christlichen als ein Dienst verstanden. Ich tu etwas für andere, bin für andere nützlich, leiste etwas für sie. Hingabe ist daher mit Anstrengung verbunden, mit Selbstverleugnung und der Aufgabe eigener Wünsche. Das kann dazu führen, dass die Hingabe zur nicht mehr tragbaren Last wird. Weite Zonen des täglichen Lebens werden durch diese Form der Hingabe ausgeklammert, bedauerlicherweise gerade jene Be-reiche, die Freude machen.
Es gibt aber noch eine andere Form der Hingabe. Sie lässt sich sehr schön bei Kindern beobachten, die ganz versunken in ihr Tun sind, die hingebungsvoll einfach lustig sein können. Auch im Singen wird diese Form der Hingabe geübt. Ich übe sie auch im Betrachten von Kunstwerken. Diese Hingabe ist eine Form von Genuss, vielmehr als angestrengtes Tun. Sie ist Bereicherung und nicht fort-währende Entäußerung. Mir scheint, sie sei im Christentum der letzten zwei Jahrhunderte einfach übersehen worden. Die moralischen Ansprüche wurden hochgeschraubt, aber von Genuss war in dieser Glaubensform nicht die Rede.
Es gibt eine Hingabe, die den Zugang zur Welt ganz neu erschließt. Es ist die Hingabe derer, die staunend die Welt immer neu sehen, die sich Zeit nehmen für die alltäglichen Wunder. Wir leben fast ausschließlich in einer vorgeformten künstlichen Wirklichkeit. Dahinter oder daneben oder darunter gibt es aber auch noch eine andere Wirklichkeit. Ich entdecke sie, wenn ich erkenne, dass hinter allen Bildern der Welt, hinter allen Vorstellungen von einem anderen Menschen noch einmal etwas ganz anderes zu entdecken ist. Um dorthin zu finden, muss ich aber aufmerksam und voll Hingabe wahrnehmen. Auch das ist Mühe um den anderen, aber sie wird zu einer Quelle nie versiegender Freude. Es ist die Freude des Heiligen Geistes.
Ein schönes Pfingstfest! Gustav Schörghofer SJ

Dass Gott sterben könnte, ist ein schrecklicher Gedanke. Wenn Gott tot ist, bleibt nichts mehr. Das Weltall schweigt. Wir werden von Schweigen umgeben und sinken in dieses Schweigen ein. Bald ist alles so, als wären wir nie gewesen. Als wäre nie etwas gewesen. Der Gedanke, Gott sei tot, ist unerträglich. Neben den toten Gott werden Götter gestellt, die den Leichnam verdecken sollen. Macht, Ehre, Ruhm, Reichtum sollen den Blick in die gähnende Leere verstellen. Doch das Schweigen und die Leere der unendlichen Räume um uns sind mächtiger. Sie verschlingen uns, unsere Kultur, alle unsere Errungenschaften, was immer uns wertvoll war.

Was Auferstehung ist weiß nur der, dem alles genommen worden ist. Auch Gott muss sterben. Am Kreuz ist Gott gewissermaßen gestorben. Im Johannesevangelium wird das Sterben Jesu als ein Tun geschildert: Dann neigte er den Kopf und übergab den Geist (19,30 in der Übersetzung von Fridolin Stier). Jesus übergibt den Geist – wem? Gott stirbt in Gott hinein. Jesus stirbt den Tod der Menschen in Gott hinein. Und nun? Aus dem Tod ersteht der Menschgewordene zu neuem Leben.

Was mich an Jesus fasziniert ist, dass sich in ihm, im Mensch gewordenen Gott, Gott auf die Suche nach dem Menschen macht. Gott geht aus Liebe zum Menschen jedem Menschen nach, er sucht ihn auch noch in den fernsten Tiefen der Gottverlorenheit. Jesus stirbt den Tod eines Verbrechers, um den Menschen auch dort aufzusuchen, wo niemand hinwill. Er steigt hinab in die Unterwelt, in das Reich des Todes, er begibt sich dorthin, wo alles zu Ende gekommen ist. Er geht diesen Weg aus Liebe. Aus Liebe zeigt er dem Menschen, dass dort, wo alles zu Ende ist, alles neu beginnen kann.


Nur wer die Erfahrung des Endes gemacht hat, wer eine Ahnung vom Grauen des Schweigens der unendlichen Räume bekommen hat, wer Vernichtung und Untergang erlebt hat, wird auferstehen können. Ich muss mich einer Liebe anvertrauen, die mir alles nimmt, um mir alles neu zu geben. Mehr noch: ich muss diese Liebe selber leben, ich muss dorthin gehen, wo mir alles genommen wird. Mehr noch: ich muss alles aus Liebe geben. Dann gelange ich an den Ort, wo Gott zu finden ist. Ein Gott, der alles neu macht.

Und das geschieht mitten im Alltag. Es geschieht in den kleinen Dingen, im Unscheinbaren und im Stillen. Es geschieht im Nebensächlichen und im Übersehenen. Jesus Christus ist der Gott der kleinen Dinge. Er ist der Gott derer, die am Rand stehen, derer, die keine Macht besitzen und sich selber nicht helfen können. Jesus Christus ist ein Skandal. „Und selig ist, wer an mir kein Ärgernis nimmt.“ (Lk 7,23) Er ist der Gott derer, die zugrunde gehen. Er geht mit ihnen zu Grunde. Und er geht mit denen weiter, die sich ihm und seiner Liebe anvertrauen.


Gustav Schörghofer SJ