Mitteilungsblatt Juli und August

Ein großer Chor


Kürzlich hatte ein neuer Film von Terrence Malick, „A hidden life“, in Cannes Premiere. Erzählt wird die Geschichte Franz Jägerstätters. Der Titel des Films stammt von der britischen Autorin GeorgeEliot, deren wunderbarer Satz am Schluss des Films zitiert wird: „Das Wachstum des Guten in der Welt hängt in gewissem Grade von unhistorischen Taten ab, und dass die Dinge für dich und mich nicht so schlecht bestellt sind, wie sie es hätten sein können, verdanken wir zum großen Teil jenen, die getreulich ein Leben im Verborgenen gelebt haben und in Gräbern ruhen, die niemand besucht.“


Freilich kann ich mich fragen, was mit so einem Satz anzufangen sei, der auf Vorgänge verweist, die sich ohnedies meiner Kenntnis entziehen. Ich kann mich aber von diesem Satz auch auf etwas hinweisen lassen. Er lässt mich das eigene Leben und das Leben der Menschen um mich herum in einem anderen und neuen Licht sehen. Es ist, als würde dort, wo bisher tiefes Dunkel alle Gestalten verschlungen hat und nur einzelne herausragende Figuren wahrnehmbar waren, nach und nach Gesichter auftauchen, Menschen erkennbar werden. Als würde ein scheinbar totes Feld nach und
nach belebt werden von einer unübersehbaren großen Schar still strahlender Männer, Frauen und Kinder. Als wären nicht nur da und dort die lauten Stimmen einzelner Solisten zu hören, sondern nach und nach die Stimmen vieler Menschen. Als sänge ein Chor aus unfassbar vielen eine nie gehörte Melodie, ein wunderbares Lied. Als würden alle diese Menschen gehen, einander bei den Händen fassend, einander stützend und bewahrend vor jedem Fall, singend und leuchtend, ein von aller Last, von aller Bedrohung befreites Volk.

Welche mir unbekannten Menschen haben mit ihren mir unbekannten Taten, ihrem still gelebten Leben die Voraussetzung meines Lebens geschaffen? Wer nur einmal etwas eintaucht in die verschwiegenen Bereiche seines eigenen Lebens, in das Geflecht von Begegnungen, die den Grund seines Lebens ausmachen, aus dem es emporwächst und sich entfaltet und in dem es tief verwurzelt ist, der wird staunend erkennen, dass er getragen ist von vielen, dass er auch in den einsamen Momenten nicht allein ist, dass er eingebettet ist in ein ihn tragendes und nährendes Fluidum, dessen Gegenwart er nicht immer wahrnimmt und das doch als Grund tiefer Freude immer gegenwärtig bleibt.

Niemand besucht die Gräber der vielen, die im Verborgenen den Reichtum und den Zauber unseres Lebens bereitet haben. Aber es kommt ja gar nicht darauf an, an Gräbern zu stehen. Es kommt darauf an zu erkennen, dass uns von weither ein wunderbarer Reichtum des Lebens trägt, dass uns aus der Enge unseres Alltags ein Lied ins Freie und Offene lockt, dass viele vor uns angestimmt und mit Hingabe gesungen haben, ein großer Chor, der uns vorangeht, in dessen Gesang wir einstimmen und dessen Musik als kostbarer Schatz von uns weitergegeben wird.

Das für den Sommer und als Dank für das vergangene Jahr!