Sympathie in der Schöpfung

Vom Pathos zum Handeln

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Das griechische Wort Pathos hat mehrere Bedeutungen. Unter anderem Erlebnis, Leid, auch Geschick. Das davon abgeleitete Wort Sympathie meint Mit-Leben, Mit-Leid und gemeinsames Geschick. In diesem Sinn können wir sagen: Mit der Erde, den Ozeanen, mit Wetter, Tieren, Pflanzen sind wir in Sympathie verbunden. Wir Menschen sind ein Teil der Schöpfung, durch Gottes Atem in ihr lebendig gemacht. (GEN 2,7)

Mich berührt, wie sich diese Verbundenheit in einer schönen Zeile der Jakobsgeschichte ausdrückt, wenn Isaak den vermeintlichen Erstgeborenen segnet mit den Worten: „Ja, mein Sohn duftet wie das Feld, das der Herr
gesegnet hat.“ (GEN 27,27)

Wie können wir unsere Sympathie an der geschenkten Schöpfungsteilhabe vertiefen? Einen beeindruckenden Weg konnten wir bei einem vom Umweltbüro der Erzdiözese Wien gestalteten Ausflug zum Stift Geras im Waldviertel kennen lernen. Bei einer Führung durch den Kräutergarten hat uns P. Benedikt Felsinger, O.Praem., gezeigt, dass es besser ist, sich vor einer Heil- oder Wildpflanze hinzuknien, um sie genauer anzuschauen, anstatt vor ihr stehen zu bleiben. Durch das Hinknien wird die Distanz zum Auge des erwachsenen Menschen kleiner, man erfasst mehr vom Wesen der Pflanze, kann sie zu sich sprechen lassen: „Man erfährt das Hineinverwobensein in die Schöpfung“ Dazu fällt mir Jesu Aufforderung ein, so zu werden wie die Kinder. Durch die ungewöhnliche Geste ändert sich unsere Perspektive auf die der Kinder. Die Gefahr der „Arroganz der Macht“ (Bischof Reinhold Stecher)
wird kleiner.

Die individuelle und institutionelle Arroganz der Macht hat weltweit eine rücksichtslose Ausbeutung verursacht. Wie wir in der Pfarre durch konkrete Projekte versuchen, ressourcenschonender zu leben, möchten wir Ihnen ein andermal berichten. Anlässlich der „Schöpfungszeit“, die von September bis 4. Oktober als Gebetsschwerpunkt empfohlen wird, möchte ich uns ein Gebet aus einem Graffito an der ehemaligen Berliner Mauer ans Herz legen:

„Ich liebe dich, Erde,
mit allem, was auf dir lebt.
Gott hat dich geschaffen.

Ich liebe dich, Erde,
denn Gott hat dich sehr schön gemacht
mit deinen Bäumen, Blumen und Tieren,
mit deinen Menschen.

Ich liebe dich, Erde,
Gott erhält dich noch immer in seiner Treue.
Trotz aller Zerstörung,
die wir angerichtet haben auf dir,
trotz Krieg, Gewalt und rücksichtsloser Ausraubung
wird es noch immer Frühling und Sommer,
Herbst und Winter,
kommt immer ein neuer Tag
nach dem Dunkel der Nacht.

Ich liebe dich, Erde.
Darum will ich liebevoll leben lernen
und Verantwortung übernehmen für Gottes Schöpfung.“

(aus: Dein Wort. MeinWeg.4/14)
Renate Meissl, Umweltbeauftragte, im Namen des Umweltteams