Aus gegebenem Anlass

Sie sind an Alzheimer erkrankt. Oder sterben plötzlich an einem Herzinfarkt. Sie sagen mir, eben erst die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhalten zu haben. Bei einem Kind im Mutterleib wird Down-Syndrom festgestellt, bei einem erwachsenen Mann Darmkrebs, bei seiner Frau ein großes bösartiges Geschwür an einer der Nieren. Immer wieder begegnen mir Menschen, die an schrecklichen Krankheiten zu leiden haben oder andere begleiten und pflegen, die unheilbar erkrankt sind, nicht nur alte, sondern auch jüngere. Immer wieder soll ich etwas sagen. Aber was ist zu sagen? Gibt es da etwas zu sagen? Wo ist in all dem ein Sinn? Haben diese Krankheiten, haben diese Tode einen Sinn?

Wenn ich Krankheit und Tod allein, nur für sich nehme, kann ich keinen Sinn entdecken. Plötzlich bist Du tot. Plötzlich überfällt Dich die Krankheit, zwingt Dich nieder, macht aus Dir ein hilfloses Bündel. Aber Krankheit und Tod sind keine isolierbaren Gegebenheiten. Immer ist es ein Mann, eine Frau, ein Kind, die krank sind, die sterben. Und der Mann, die Frau, das Kind, sie sind nicht isoliert, allein auf sich gestellt. Sie leben in Beziehungen, sind für andere wichtig. Die Frage für mich ist nicht, welchen Sinn das Unglück hat, sondern ob ich den anderen im Unglück die Treue halte. Lass ich sie sitzen, verdrücke ich mich? Oder bleibe ich bei ihnen, kümmere ich mich um sie?

Toby ist ein Kind in der Erzählung „Mijito“ von Lucia Berlin. Toby ist entstellt und zittert, er kann nicht reden und wird durch ein Loch im Bauch ernährt. „Natürlich kann wegen Toby eine Ehe zerbrechen oder eine Familie, aber wenn nicht, dann scheint der gegenteilige Effekt einzutreten. Ein solches Kind fördert die tiefsten Gefühle zutage, gute und schlechte, und eine Stärke, eine Würde, die ein Mann und eine Frau sonst nie in sich oder dem anderen entdecken würden.“ (Lucia Berlin, Was ich sonst noch verpasst habe, 157) Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Lucia Berlin recht hat. Ein Kind wie Toby kann bei denen, die es aufnehmen, eine tiefe und immer tiefere Liebe wachrufen. Und darauf kommt es doch an, dass wir lernen zu lieben und immer tiefer zu lieben. Allerdings können Menschen auch an einem Kind wie Toby oder durch Überforderung in der Pflege von Angehörigen zugrunde gehen, erschöpft nicht mehr weiterwissen. Wie können wir einander helfen, die Beziehungen zu jenen Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind, so zu leben, dass sie nicht in die Sackgasse der Erschöpfung führen?

Mich fasziniert am christlichen Glauben die Zuwendung Gottes zu einer Menschheit, die dem Verderben von Krankheit, Elend und Tod ausgeliefert ist. Warum macht er das? Aus Liebe. Aus Liebe und immer größerer Liebe kann ich mich anderen zuwenden. Ich brauche aber die Hilfe anderer, dass diese Wendung zu den Notleidenden nicht in den eigenen Zusammenbruch führt. Der Sinn ist ja, in der Liebe zu wachsen. Und damit das geschieht, sind wir aufeinander angewiesen.

Gustav Schörghofer SJ

Eine Übung für das kommende Jahr

Zwei Worte sind mir in diesem Sommer besonders nahe gegangen: Stille und Hingabe. Das hat sich einfach so ergeben in den ruhigen Tagen der Ferien. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es nun nach den eineinhalb Jahren der Pandemie weitergehen wird. Die Krankheit ist nicht hinter uns, und schon werden Corona-Denkmäler in Auftrag gegeben. Aber was hilft uns, einen Weg in die Zukunft einzuschlagen und frei zu werden für das, was die vergangenen Monate uns möglicherweise doch gezeigt haben?

Stille war in diesen Monaten sicher eine Erfahrung, die viele geteilt haben, gemeinsam mit der Erfahrung notwendiger Distanz. Stille entsteht dort, wo Distanz genommen wird, wo ein Abstand eingehalten wird, wo das Andrängen des Lärms unserer Welt einmal abgewehrt werden kann. Oder wo ich diesem ständigen Andrängen nicht abwehrend begegne, sondern all dem Aufdringlichen einfach ausweiche, es an mir vorüberziehen lassen. Stille ist etwas, das ich äußerlich vorfinden kann, in der Natur, in von Menschen gestalteten Räumen. Stille kann ich aber auch in mir selber entdecken. Ich kann mich unter die Ebene des ständig aufwühlend einströmenden Gewirrs von Informationen und Ansprüchen sinken lassen, als würde ich abtauchen in eine ruhige Tiefe und die Zonen des bewegten Wassers über mir lassen. Dort, in dieser Stille, komme ich zu mir, dort nehme ich etwas wahr, das in mir ist, zu mir spricht, sich mir mittteilt. In diesen ruhigen Zonen wird das erkannt, was als „Berufung“ bezeichnet wird, keine aufgenötigte Beschäftigung, kein vom Zwang der Notwendigkeit diktiertes Tun, kein bloßes Reagieren auf anprallende Impulse. Es gibt da noch etwas anderes, eine Stimme tief in mir, ein Gefühl für die Richtigkeit dessen, was zu tun ist. Das kommt aus der Stille.

Hingabe kann auf vielerlei Weise geübt werden, in der Musik, im Gespräch, im Schreiben, im gekonnten und verantwortungsvollen Tun, ja auch im Schweigen und Hören. Immer bedeutet Hingabe, dass ich aus mir herausgehe, dass ich mitteile von dem, was ich habe und bin. Die Hingabe hat daher eine enge Beziehung zur Stille. Sie ist die Antwort auf das, was ich in der Stille wahrnehme.

Die beiden Worte Stille und Hingabe sind mir deswegen so wichtig geworden, weil sie mich hinweisen auf etwas, das uns die Pandemie möglicherweise gelehrt hat oder uns lehren könnte: Distanz ist wichtig, um einen eigenen Freiraum zu bewahren, in dem Stille herrscht, in dem ich zu mir selber komme. Beim Einhalten von Distanz werden wir aber nicht stehen bleiben. Als von einem inneren Ruf getragene Hingabe wird die Distanz in der Wendung zum Nächsten immer wieder überwunden werden.

Wäre das nicht eine schöne Übung für das kommende Jahr? Gustav Schörghofer SJ

Nähe lernen

Niemand wollte mir die Hand geben. Mit den Umarmungen war es völlig vorbei. Auf dem Gehsteig Entgegenkommende sind plötzlich hinter parkenden Autos verschwunden und haben einen Bogen um mich gemacht. Beim Essen durfte niemand neben mir sitzen und in der Straßenbahn haben die Mitfahrenden Abstand von mir gehalten. Mir wurde verboten, mit mehr als fünf anderen Menschen die Messe zu feiern. Mir wurde verboten, Museen und Konzerte zu besuchen. Ich habe auch nicht mehr zum Heurigen dürfen. Und schließlich wurde mir geboten, mein Gesicht hinter einer Maske zu verbergen. Aber nicht nur mir ist es so ergangen, sondern allen anderen ebenso. Kein Wunder, dass viele den Aufenthalt unter anderen Menschen und die Nähe zu ihnen gar nicht mehr gesucht haben. Wenn die Dinge so stehen, ist es besser, sich gänzlich zurückzuziehen. Wir haben die Nähe verlernt und müssen sie nun neu lernen.

Das Christentum ist eine Religion der Nähe. Die Grunddynamik des Christentums ist nicht Vergeistigung, Aufstieg nach oben, sondern Verleiblichung, Fleischwerdung. Wir feiern die Inkarnation Gottes, seinen Abstieg zu uns Menschen und nicht nur zu den Menschen, sondern zu allem in der Welt, zu Belebtem und Unbelebtem. Lange ist vergessen worden, dass Erlösung nicht nur Befreiung des Menschen allein bedeuten kann, sondern dass damit die Befreiung der gesamten Welt gemeint ist. Die gesamte Schöpfung soll zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes gelangen. Das verlangt von mir, Anteil zu nehmen am Leben, an der Existenz des Anderen, der Menschen, der Tiere, der Pflanzen, der Steine und aller Elemente. Die europäische Kultur ist lange von Distanzierung gekennzeichnet gewesen. Europäer haben sich von Nicht-Europäern distanziert, Christen von Nicht-Christen, Katholiken von Protestanten, die Angehörigen der einen Nation von denen der anderen usw. Ein Höhepunkt der Distanzierung ist mit der systematischen Ausbeutung der gesamten Welt, wie sie in der Unterwerfung aller Lebensbereiche unter das Diktat von Konsum und Gewinnsteigerung stattfindet, erreicht worden. Schon lange vor Corona haben wir die Nähe verlernt.

Es kommt ja nicht auf das Händeschütteln an. Ich möchte vielmehr den Anderen neu wahrnehmen. Ich möchte ihm als Anderem begegnen, einem anderen Menschen, einem Tier, einer Pflanze, den Dingen. Begegnen bedeutet hier immer, leibhaftig begegnen. Denn auch die Techniken der virtuellen Welt sind Techniken der Distanzierung. Ich möchte mich also von dieser mächtigen Dynamik Gottes ergreifen lassen, einer Dynamik der Nähe, die hinführt zum leibhaftig anwesenden Gegenüber. Ich möchte die Nähe lernen, jetzt, in diesem Sommer.


Ich wünsche Ihnen einen schönen, gesegneten Sommer! Gustav Schörghofer SJ

Gebautes und Geformtes

Florian Schaumberger wohnt mit seiner Familie in einer alten Mühle im Thayatal, weit ab vom nächsten Dorf im nördlichen Waldviertel. Bis vor wenigen Jahren war die Mühle noch nicht an das Stromnetz angeschlossen, und wir saßen am Abend bei Kerzenlicht beisammen. Um die Mühle herum stehen in einer herrlichen Wiese viele Obstbäume, aus deren Früchten Florian einen feinen Schnaps zu brennen weiß. Und hinter der Mühle fließt die Thaya vorbei, meist ruhig, manchmal aber ein reißender Fluss, der über die Ufer tritt und das Umland überschwemmt.

An diesem stillen und abgelegenen Ort sind die drei Skulpturen entstanden, die bis Ende September in der Konzilsgedächtniskirche aufgestellt sind: 3 Klang – Drei Männer mit Hut (Eisen geschwärzt, 2018, H 210 cm), AHEAD I und AHEAD II (Stahl, 2020, H 230 cm). Sie stehen mitten in unserer Zeit und sind zeitgemäß, denn sie führen etwas vor, dessen wir heute dringend bedürfen. Wie das Echo nach dem Ende einer Musik hallt in ihnen ein altes Thema der europäischen Kunst seit 3000 Jahren nach. Es hat ganz den Anschein, als wäre die Tradition dieser Kunst im vergangenen Jahrhundert an ein Ende gekommen, ganz so, wie in Europa die überlieferte Form des Christentums an ein Ende gekommen ist. Nicht das Christentum, wohlgemerkt, sondern seine von alters her gewohnte Form. In der Kunst des 20. Jahrhunderts wurde vieles aufgegeben und vieles neu entdeckt. Auffallend ist die große Reduktion, die sich in der Wendung zu sehr einfachen Formen zu erkennen gibt. So stehen die Skulpturen von Florian Schaumberger als karge Stelen vor uns. Spürbar hallt in ihnen das große alte Motiv der aufrecht stehenden Figur nach. Doch von der Vielförmigkeit und Naturnähe der alten Figuren ist nichts geblieben. Sie sind auf Wesentliches reduziert, geometrisch abstrakte Gebilde, die eine Haltung elementar vor Augen führen. Vielleicht passen sie gerade deswegen so wunderbar in den modernen Kirchenraum, dessen Architektur ihrerseits elementar ist, frei von allem Verspielten. An diesem Ort verkörpern die drei Skulpturen eine Haltung des stillen Aushaltens und der Konzentration, ein Innewerden des Daseins in der Gegenwart.

Der von den Skulpturen vorgeführten Haltung konzentrierter Stille, eines Innewerdens gegenwärtigen Lebens, bedürfen wir in unserer Zeit der Erschütterungen und Verunsicherungen, des Endes alter Lebensmuster mehr als je zuvor. Nicht zufällig wird hier auf jede Weisung und Belehrung, auf das Vortragen von Inhalten und überlieferten Erzählungen verzichtet. Es bleibt allein die aufrechte Haltung, es bleibt der Rhythmus der strengen Formen im Aufwachsen der Gebilde. Mehr ist auch nicht nötig. Denn alles andere muss im Leben und Feiern derer Gestalt annehmen, die den Heiligen Geist empfangen haben.

Die Figuren sind gebaut. Und auch wir sind ein Bauwerk, aber aus lebendigen Steinen.

Gustav Schörghofer SJ

Die Minarette des hl. Antonius

Es sind drei Bänder, jeweils 35 cm breit und zwischen 4,20 m und 4 m lang. Die Bänder sind gewebt, die Farben von dunklem Braun bis zum starken Rot in den unterschiedlichsten Tönungen und Übergängen, starke Kontraste finden sich neben sehr zarten Verläufen. Die Motive sind geometrisch, sie folgen in ihrer Ausrichtung an Vertikale und Horizontale dem elementaren Aufbau des Gewebten in Kette und Schuss. Friedemann der Teppichweber, so nannte er sich selber, hat die Arbeiten von 2016 bis 2018 geschaffen. Er nannte den Zyklus „Die Minarette des hl. Antonius“. Gewebt wurden die drei Bänder für Margarita Auer.

Vor zwei Monaten erhielt ich ein Schreiben von Margarita Auer. Für sie hatte Friedemann die drei Bänder gewebt. Nun bot sie mir die Arbeiten an: „Wenn sie Ihnen gefallen, sollten sie an einem Ort der Erneuerung hängen. Wenn Sie so einen kennen oder so einer bei Ihnen ist. Ein Ort, wo der Geist einer neuen Zeit weht. Denn Corona beschleunigt ja diese geistige Entwicklung meiner Meinung nach enorm. Das ist mir gestern schlagartig bewusst geworden, dass das nicht nur irgendein Ort sein kann.“ Die Bänder haben mir sehr gefallen. Die Konzilsgedächtniskirche ist für mich auch ein Ort der Erneuerung, wo der Geist einer neuen Zeit weht. Daher hängen die Bänder nun in unserer Kirche. Sie erinnern uns vielleicht an das Wehen des Geistes.

Margarita Auer hat mir auch einiges zu Friedemann selber mitgeteilt. „Friedemann war ein hochspiritueller Mensch, er hat mich immer an einen Zenmönch erinnert. Seine Werkstatt und Wohnraum war in der Hermanngasse in einer ehemaligen Tabakfabrik. Er hat nie seine Wohnungstür abgesperrt, man konnte jederzeit zu ihm gehen. Er hatte einen großen und bunten Freundeskreis. … Wenn er einmal seine Ruhe haben wollte, hat er einfach an die Tür ein Schild gehängt auf dem stand Matthäuspassion – das haben dann alle gewusst und respektiert. Gewidmet sind die Bänder dem hl. Antonius. Friedemann wusste genau um meine restlose Begeisterung zu diesem Heiligen.“

Friedemann Hoflehner, so sein voller Name, ist am 29. Oktober 2020 gestorben. Aus einem Nachruf (nachzulesen auf der homepage von qwien) habe ich noch einiges über ihn erfahren. Friedemann war homosexuell und bekannte sich offen dazu. Ende der 60er Jahre war er deswegen zu drei Monaten Arbeitshaus und bedingt zu drei Jahren Arrest verurteilt worden. Er kam 1968 nach Wien, schlug sich durch und hat 1973 zur Weberei gefunden. Um 1984 hatte er den Astrologen, Schriftsteller und Aktivisten Robert Blum kennen gelernt. Eine Liebe begann. Robert erkrankte in den frühen 90er Jahren an Aids und starb 1996. „Das Teppichweben wurde für Friedemann zum Lebensmittel, zum Überlebensmittel.“

Auch wegen der persönlichen Geschichte von Friedemann ist es mir sehr wichtig, dass die „Minarette des hl. Antonius“ in unserer Kirche hängen, an einem Ort, wo der Geist weht und Neues entstehen lässt.

Ein schönes Pfingstfest! Gustav Schörghofer SJ