Requiem für P. Mayerhofer Mi., 25 Mai 13:00

Kirtag So., 12 Juni 10:00

Konzert Sa., 2 Juli 19:30

Größer denken

Drei junge Männer werden in einen Ofen geworfen. Rund um sie herum lodern die Flammen. Doch das Feuer tut ihnen nichts zuleide. Die drei stimmen einen Lobgesang an, sie loben und preisen zuerst Gott. Doch dann singen sie, ja, sie singen: „Preist den Herrn, all ihr Werke des Herrn, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit.“ Und sie beziehen die gesamte Schöpfung in ihren Lobgesang ein, die Himmel, die Engel, Sonne, Mond und Sterne, Regen und Tau, Winde, Feuer und Glut, Frost und Hitze, Eis und Kälte, Berge und Hügel, Gewächse, Tiere des Meeres, wilde und zahme Tiere. Schließlich wird auch der Mensch erwähnt. Zum Schluss kommen auch die drei Männer persönlich vor: „Preist den Herrn, Hananja, Asarja und Mischael, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit. Denn er hat uns der Unterwelt entrissen und aus der Gewalt des Todes errettet.“ (Dan 3, 51-90)

Die Osterikone der Ostkirche zeigt Christus, der in die Unterwelt, den Hades, hinabgestiegen ist, die Hadespforten zertrümmert hat, Adam und Eva an der Hand fasst und sie dem Reich der Schatten und der Vergeblichkeit entreißt. Alle anderen Bewohner der Unterwelt werden gemeinsam mit Adam und Eva herausgerissen. Sie alle hängen sich an den Auferstandenen und hängen sich aneinander.

Durch Jahrhunderte wurde Erlösung als Befreiung des Menschen gedeutet. Die Schöpfung, Steine, Pflanzen, Tiere sind aus dem Blick geraten. Sie wurden als Mittel gesehen, „damit sie ihm (dem Menschen) bei der Verfolgung des Ziels helfen, zu dem er geschaffen ist.“ (Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, 23) Doch die Erde, die Pflanzen, die Tiere sind mehr als nur Mittel. Sie haben ein Recht, wahrgenommen, gepflegt und behütet zu werden. Auch sie wachsen in die große Erlösung hinein. „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom (8,21). Heute, nach dem Ende der Neuzeit, das Romano Guardini so hellsichtig erkannt hat, und dem Ende der alten Kultur des christlichen Abendlandes kommt diese Wirklichkeit wieder in den Blick.

Wir leben in einem Zeitalter großer Zerstörung und gewaltiger, schmerzhafter Verluste. Wir leben aber auch in einer Zeit, die uns neu und überraschend vor Gott stehen lässt. Mit wem oder mit was will ich vor Gott stehen? Die drei jungen Männer im Ofen hatten eine sehr umfangreiche Liste. Sie zeigen uns: Auferstehung gibt es nicht individuell. Auferstehung gibt es nicht für einen Teil. Entweder alle oder niemand, entweder alles oder nichts. An wen oder an was hängen wir uns im Feuer der Gegenwart? Ohne wen oder ohne was will ich nicht auferstehen? Gerade jetzt können wir lernen, größer zu denken.

Eine schöne Zeit auf Pfingsten hin! Gustav Schörghofer SJ

Das Normale

Mehr als zwei Jahre leben wir nun bereits mit den Corona-Viren. Die kleinen Wesen werden uns auch in Zukunft begleiten. Sie werden künftig zum normalen Leben gehören. Von einer Rückkehr zur Normalität ist immer wieder die Rede. Doch was ist das, das „Normale“? Ist es der früher gewohnte Zustand? Was sollen wir als Maß nehmen für das „Normale“? Jenes scheinbar ins Grenzenlose zu steigernde Immer-Mehr eines materiellen Wachstums oder einen ebenfalls ins Grenzenlose sich steigernden Konsumismus? Ist es „normal“, dass wenige Menschen über einen Großteil der Reichtümer dieser Erde verfügen? Ist es „normal“, dass Millionen Menschen unter Krieg und Vertreibung zu leiden haben? Was ist das: das „Normale“?

Vor Jahren habe ich einen Vortrag von Michael Hiesmayr gehört, seine Antrittsvorlesung an der
MedUni Wien. Er sprach über „Das Normale in Anästhesie und Intensivmedizin“. „Es ist ein spezifisches Wissen, das wir täglich anwenden müssen, das uns Auskunft gibt über das „Normale“ jedes/r individuellen PatientIn. Wir kümmern uns während der Operation um die „normalen“ Werte der
Herz-, Kreislauffunktion und den notwendigen Flüssigkeitsersatz. Es ist Aufgabe der Anästhesisten und Intensivmediziner dieses „Normale“ zu beobachten, zu erforschen und als Richtschnur anzuwenden.“ So fasst Michael Hiesmayr den Inhalt seiner Vorlesung zusammen. (www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detail/prof-dr-michael-hiesmayr-das-normale-in-anaesthesie-und-intensivmedizin/).

Europa befindet sich gegenwärtig in einem äußerst kritischen Zustand. Er erfordert Menschen, die sich „um die normalen Werte der Herz-, Kreislauffunktion und den notwendigen Flüssigkeitsersatz“ kümmern. Aus der kunstgeschichtlichen Forschung weiß ich, dass im Fall von Europa dazu folgendes gehört: alles ist mit allem dynamisch verbunden und in Wechselwirkung; kleinere Ordnungen werden jeweils von größeren Ordnungen umfangen und sind in sie eingebettet; die Welt verhält sich uns gegenüber nicht stumm, sondern in der Weise eines aktiven Entgegenkommens; auch im scheinbar Unbedeutenden und Kleinen ist keimhaft das Ganze enthalten. Alles das gehört zu den normalen Werten unseres physisch-geistigen Organismus.

Wir erleben zurzeit eine Zersplitterung unseres physisch-geistigen Organismus, verursacht von Partikularinteressen aller Art. Menschen wie Anästhesisten und Intensivmediziner tun not, Menschen also, die nicht nur von der Reaktion auf eine jeweilige gegenwärtige Bedrohung getrieben werden, sondern den Organismus als Ganzen im Blick haben und sich um die „normalen Werte“ kümmern. Sie agieren nicht im Vordergrund und treten vielleicht gar nicht als die großen Gestalter in Erscheinung. Aber sie sind für das Leben im Ganzen von größter Bedeutung. Mehr als die großen heroischen Gesten hilft uns das ganz normale lebenserhaltende Tun des Alltags.

Gesegnete Ostern! Gustav Schörghofer SJ

Gott spielen

Im Bücherregal meiner Eltern standen drei dickleibige Bände mit breiten Rücken. „Der ewige Grillparzer“ war auf diesen Rücken zu lesen. Doch was da so ewig sei, das habe ich nie erkundet. Die Bücher blieben im Regal. Den hundertfünfzigsten Todestag des Dichters habe ich nun zum Anlass genommen, endlich einmal Grillparzer zu lesen. Keines der Dramen, aber eine Erzählung: „Der arme Spielmann“. Ich war hingerissen. Bitte warten Sie nicht hundertfünfzig Jahre. Lesen Sie Grillparzer!

Inmitten der Erzählung ist ein Satz des armen Spielmanns zu finden, fast verschämt von ihm geäußert, aber wie mir scheint das Motto der gesamten Erzählung: „Sie spielen den Wolfgang Amadeus Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner.“ Der Spielmann wusste seine Geige auf eine ganz eigene Art zu spielen, und sicher meinte er mit diesem Satz eine besondere Art hingebungsvollen Spielens. Durch die Erzählung wird aber deutlich, dass noch etwas anderes gemeint ist. Grillparzer endet seine Erzählung mit einem Bericht über den Tod des Spielmanns. Bei einem Hochwasser hatte er, obwohl er selber nicht in Gefahr war, Kinder gerettet und war in das kalte Wasser gestiegen, um die Ersparnisse seiner Hausleute in Sicherheit zu bringen. Die Strapazen und der Aufenthalt im Wasser haben ihm wenige Tage später den Tod gebracht. Der Spielmann, der seine Geige mit ganzer Hingabe gespielt hat, hat sein Leben für andere aufs Spiel gesetzt, er hat sein Leben für sie hingegeben. Er ist nicht in Sicherheit geblieben.

Es sind viele Menschen zu finden, die ihr Leben für andere einsetzen, sei es in der Pflege, in der Medizin, in der Forschung, in der Kunst, zuhause und im Beruf. Sie „spielen“, was sie gelernt haben, bildhaft gesprochen den Wolfgang Amadeus Mozart oder den Sebastian Bach. Aber spielen sie Gott? Es gibt viele Menschen, die fromm und voll Gottvertrauen sind, die bildhaft gesprochen Gott spielen. Aber spielen sie den Mozart oder den Bach? Lassen sie sich auf diese Welt ein? Oder sind sie ohnedies schon in einer höheren beheimatet? Der eine lässt sich nicht impfen, weil er auf Gott vertraut. Der andere vertraut der Wissenschaft, ist geimpft und denkt nicht an Gott.

Heute werden beide Bereiche, Welt und Gott, gerne auseinandergehalten. Der eine lebt an die Welt hingegeben und denkt nicht an Gott, der andere denkt an Gott und verliert dabei die Welt aus dem Blick. Vom armen Spielmann kann ich lernen, dass eines ohne das andere nicht möglich ist. Hingabe an die Welt erfordert Gottvertrauen, und Gottvertrauen ist ohne Hingabe an die Welt bodenlos. „Gott spielen“ heißt Mozart und Bach mit ganzer Hingabe zu spielen, und diese Hingabe auch im Bemühen um eine Welt zu leben, die fern ist von Mozart und Bach.

Bitte lesen Sie Grillparzer! Gustav Schörghofer SJ

Um zu leben

Um zu leben, brauchen wir offene Räume. In geschlossenen Räumen sterben wir ab wie aus der Erde gerissene Pflanzen. Seltsam, dass der Gedanke des offenen Raumes so eng verbunden ist mit dem Gedanken der Verwurzelung. Das Leben ist im Offenen verwurzelt, es kann nur im Offenen gelebt werden. Keineswegs darf der offene Raum mit dem Unbehausten verwechselt werden. Der offene Raum ist immer ein bestimmter Ort, eine begrenzte Umgebung, die uns Schutz und die Möglichkeit des Wachsens schenkt. Wenn aber die Grenzen undurchlässig werden, wenn der Ort zum fest geschlossenen Innenraum wird, dann bleibt dem Leben keine Möglichkeit zur Entfaltung. Leben bedeutet immer, ins Offene zu gehen.

Ein wesentlicher Beitrag des Christentums zu unserer gegenwärtigen Gesellschaft besteht in der Schaffung und Pflege offener Räume. In seiner Menschwerdung ist Gott selbst aus sich heraus gegangen und schafft so einen offenen Raum.

Um zu leben, müssen wir Empfänglichkeit üben. Damit ist gemeint, dass wir uns von dem, was uns begegnet, berühren lassen. Wenn wir Dinge, Lebewesen, Menschen nicht nahe an uns heranlassen, so nahe, dass sie uns zu Herzen gehen, leben wir nicht. Empfänglichkeit und Offenheit bedingen einander. Wer empfänglich ist für das, was ihm begegnet, wird immer neu Grenzen überschreiten und ins Offene hineinwachsen. Wer sich dem gegenüber, was ihm begegnet, nicht verschließt, dessen Leben wird in immer weiteren Kreisen Gestalt annehmen. Es wird sich nicht verlieren, sondern durch die jeweils eigene Antwort auf das Begegnende ins Eigene finden.
Ein wesentlicher Beitrag des Christentums zu unserer gegenwärtigen Gesellschaft besteht darin, den Sinn für Empfänglichkeit wach zu halten und zu kultivieren. „Splanchnicomai“ bedeutet im Griechischen „ich erbarme mich“. Das Wort leitet sich von „splanchnon“ ab, womit die edlen Innereien Leber, Herz, Lunge bezeichnet werden, oder auch der Mutterleib und schließlich Gemüt und Herz. Mit dem Verb wird ein Verhalten Jesu charakterisiert, das er in der Begegnung mit Menschen in Not zeigt. Meist wird es mit „er hatte Mitleid“ übersetzt. Das ist aber missverständlich, denn es geht nicht um Leid. Es geht vielmehr darum, sich vom anderen anrühren zu lassen und selber den anderen zu berühren. Das Gemeinte wäre besser mit „es ging ihm zu Herzen“ zu benennen. Es geht also darum, empfänglich zu sein für die besondere Gegenwart des anderen und dieser Gegenwart im eigenen Leben einen Raum zu schenken. Das kann ein Teilnehmen an Freude oder Leid sein. Auf jeden Fall heißt es, am anderen nicht vorbeizuleben, sich ihm gegenüber nicht abzuschotten. Das ist die Haltung Gottes.

Beides, die Pflege des offenen Raumes und die Kultivierung der Empfänglichkeit, sind gegenwärtig von größter Bedeutung. Denn ohne sie wird unsere Gesellschaft nicht gedeihen. Zu diesem Gedeihen können die Christinnen und Christen einen entscheidenden Beitrag leisten.

Viel Mut und Freude! Gustav Schörghofer SJ

Eine neue Welt

In den vergangenen zwei Jahren gab es Gelegenheit genug, neue Erfahrungen zu machen. Die für mich bedeutendste Erfahrung ist eine ganz einfache, nämlich die Erfahrung leiblicher Zusammengehörigkeit. Ein Virus nimmt seinen Ausgang von einer Stadt in China und verbreitet sich in Windeseile über die ganze Erde. Eine Variante dieses Virus wird in Südafrika festgestellt und ist kurz danach schon in Europa angelangt. Unsere Leiber sind in ein weltweites Kommunikationsnetz eingebunden, ja mehr noch, sie bilden dieses Netz. Bisher war Kommunikation etwas, das sich vom Leiblichen gelöst hatte, weitgehend virtuell stattfand und so ein weltweites Netz bildet. Doch nun wird mit einem Mal deutlich, dass wir leiblich miteinander in Verbindung stehen, dass wir Menschen weltweit einen einzigen Leib bilden.

Der Gedanke des einen Leibes, einer weltweiten Gemeinschaft der Menschen, ist urchristlich. Selbstverständlich ist es der Geist, der die Gemeinschaft der Christinnen und Christen eint. Doch diese Einigung findet im Leib statt, nicht in zunehmender Vergeistigung. Und mehr noch: Wir sind eingebunden in eine noch größere Gemeinschaft, eine Gemeinschaft mit belebter und unbelebter Natur, ja mit dem gesamten Kosmos. Eine andere Krise lässt uns eben diese Erfahrung machen, die jetzt vielberedete Klimakrise.

Lange hat die leibhaftige Gemeinschaft der Getauften ihren Ausdruck in einer christlichen Kultur gefunden. Wer eine barocke Kirche betritt, kann das sehr schön erfahren. Christinnen und Christen waren eingebettet in eine Kultur, die ihrem Glauben auf vielfältige Weise leibhaften Ausdruck verlieh. Die entscheidenden Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen sind daher auch nicht theologischer, sondern kultureller Natur. Evangelische, Orthodoxe, Katholiken unterscheiden sich wesentlich durch ihre Kultur. Doch diese Unterschiede lösen sich gegenwärtig immer mehr auf.
Wir stehen heute an der Schwelle zur Entdeckung einer neuen Welt. Nicht mehr die gespaltene Welt gegensätzlicher Kulturen, nicht mehr die entzweite Welt einander bekämpfender Nationen, sondern die Welt einer Menschheit, die immer mehr lernt, sich als eine leibliche Gemeinschaft wahrzunehmen und diese Gemeinschaft durch ihre Einbettung in eine gemeinsame Natur zu erkennen. Wir werden lernen müssen, mit den Viren zu leben, in Frieden zu leben, nicht im Krieg. Denn sie gehören zu unserer gemeinsamen Natur.

Wir als Christinnen und Christen können zu der entstehenden Kultur einer großen leiblichen Gemeinschaft Wesentliches beitragen. Denn zu Weihnachten und in jeder Messe feiern wir die Leibwerdung Gottes und seine Gemeinschaft mit uns und der gesamten Schöpfung. Wenn wir in Gestalt des Brotes den Leib des Herrn empfangen, dann gehen wir eine weltweite leibliche Beziehung zu allem Geschaffenen ein. Ach, wäre doch die Wirkung der Kommunion genauso ansteckend wie das Coronavirus!

In diesem Sinn Gottes Segen im Neuen Jahr. Gustav Schörghofer SJ