Nähe lernen

Niemand wollte mir die Hand geben. Mit den Umarmungen war es völlig vorbei. Auf dem Gehsteig Entgegenkommende sind plötzlich hinter parkenden Autos verschwunden und haben einen Bogen um mich gemacht. Beim Essen durfte niemand neben mir sitzen und in der Straßenbahn haben die Mitfahrenden Abstand von mir gehalten. Mir wurde verboten, mit mehr als fünf anderen Menschen die Messe zu feiern. Mir wurde verboten, Museen und Konzerte zu besuchen. Ich habe auch nicht mehr zum Heurigen dürfen. Und schließlich wurde mir geboten, mein Gesicht hinter einer Maske zu verbergen. Aber nicht nur mir ist es so ergangen, sondern allen anderen ebenso. Kein Wunder, dass viele den Aufenthalt unter anderen Menschen und die Nähe zu ihnen gar nicht mehr gesucht haben. Wenn die Dinge so stehen, ist es besser, sich gänzlich zurückzuziehen. Wir haben die Nähe verlernt und müssen sie nun neu lernen.

Das Christentum ist eine Religion der Nähe. Die Grunddynamik des Christentums ist nicht Vergeistigung, Aufstieg nach oben, sondern Verleiblichung, Fleischwerdung. Wir feiern die Inkarnation Gottes, seinen Abstieg zu uns Menschen und nicht nur zu den Menschen, sondern zu allem in der Welt, zu Belebtem und Unbelebtem. Lange ist vergessen worden, dass Erlösung nicht nur Befreiung des Menschen allein bedeuten kann, sondern dass damit die Befreiung der gesamten Welt gemeint ist. Die gesamte Schöpfung soll zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes gelangen. Das verlangt von mir, Anteil zu nehmen am Leben, an der Existenz des Anderen, der Menschen, der Tiere, der Pflanzen, der Steine und aller Elemente. Die europäische Kultur ist lange von Distanzierung gekennzeichnet gewesen. Europäer haben sich von Nicht-Europäern distanziert, Christen von Nicht-Christen, Katholiken von Protestanten, die Angehörigen der einen Nation von denen der anderen usw. Ein Höhepunkt der Distanzierung ist mit der systematischen Ausbeutung der gesamten Welt, wie sie in der Unterwerfung aller Lebensbereiche unter das Diktat von Konsum und Gewinnsteigerung stattfindet, erreicht worden. Schon lange vor Corona haben wir die Nähe verlernt.

Es kommt ja nicht auf das Händeschütteln an. Ich möchte vielmehr den Anderen neu wahrnehmen. Ich möchte ihm als Anderem begegnen, einem anderen Menschen, einem Tier, einer Pflanze, den Dingen. Begegnen bedeutet hier immer, leibhaftig begegnen. Denn auch die Techniken der virtuellen Welt sind Techniken der Distanzierung. Ich möchte mich also von dieser mächtigen Dynamik Gottes ergreifen lassen, einer Dynamik der Nähe, die hinführt zum leibhaftig anwesenden Gegenüber. Ich möchte die Nähe lernen, jetzt, in diesem Sommer.


Ich wünsche Ihnen einen schönen, gesegneten Sommer! Gustav Schörghofer SJ

Gebautes und Geformtes

Florian Schaumberger wohnt mit seiner Familie in einer alten Mühle im Thayatal, weit ab vom nächsten Dorf im nördlichen Waldviertel. Bis vor wenigen Jahren war die Mühle noch nicht an das Stromnetz angeschlossen, und wir saßen am Abend bei Kerzenlicht beisammen. Um die Mühle herum stehen in einer herrlichen Wiese viele Obstbäume, aus deren Früchten Florian einen feinen Schnaps zu brennen weiß. Und hinter der Mühle fließt die Thaya vorbei, meist ruhig, manchmal aber ein reißender Fluss, der über die Ufer tritt und das Umland überschwemmt.

An diesem stillen und abgelegenen Ort sind die drei Skulpturen entstanden, die bis Ende September in der Konzilsgedächtniskirche aufgestellt sind: 3 Klang – Drei Männer mit Hut (Eisen geschwärzt, 2018, H 210 cm), AHEAD I und AHEAD II (Stahl, 2020, H 230 cm). Sie stehen mitten in unserer Zeit und sind zeitgemäß, denn sie führen etwas vor, dessen wir heute dringend bedürfen. Wie das Echo nach dem Ende einer Musik hallt in ihnen ein altes Thema der europäischen Kunst seit 3000 Jahren nach. Es hat ganz den Anschein, als wäre die Tradition dieser Kunst im vergangenen Jahrhundert an ein Ende gekommen, ganz so, wie in Europa die überlieferte Form des Christentums an ein Ende gekommen ist. Nicht das Christentum, wohlgemerkt, sondern seine von alters her gewohnte Form. In der Kunst des 20. Jahrhunderts wurde vieles aufgegeben und vieles neu entdeckt. Auffallend ist die große Reduktion, die sich in der Wendung zu sehr einfachen Formen zu erkennen gibt. So stehen die Skulpturen von Florian Schaumberger als karge Stelen vor uns. Spürbar hallt in ihnen das große alte Motiv der aufrecht stehenden Figur nach. Doch von der Vielförmigkeit und Naturnähe der alten Figuren ist nichts geblieben. Sie sind auf Wesentliches reduziert, geometrisch abstrakte Gebilde, die eine Haltung elementar vor Augen führen. Vielleicht passen sie gerade deswegen so wunderbar in den modernen Kirchenraum, dessen Architektur ihrerseits elementar ist, frei von allem Verspielten. An diesem Ort verkörpern die drei Skulpturen eine Haltung des stillen Aushaltens und der Konzentration, ein Innewerden des Daseins in der Gegenwart.

Der von den Skulpturen vorgeführten Haltung konzentrierter Stille, eines Innewerdens gegenwärtigen Lebens, bedürfen wir in unserer Zeit der Erschütterungen und Verunsicherungen, des Endes alter Lebensmuster mehr als je zuvor. Nicht zufällig wird hier auf jede Weisung und Belehrung, auf das Vortragen von Inhalten und überlieferten Erzählungen verzichtet. Es bleibt allein die aufrechte Haltung, es bleibt der Rhythmus der strengen Formen im Aufwachsen der Gebilde. Mehr ist auch nicht nötig. Denn alles andere muss im Leben und Feiern derer Gestalt annehmen, die den Heiligen Geist empfangen haben.

Die Figuren sind gebaut. Und auch wir sind ein Bauwerk, aber aus lebendigen Steinen.

Gustav Schörghofer SJ

Die Minarette des hl. Antonius

Es sind drei Bänder, jeweils 35 cm breit und zwischen 4,20 m und 4 m lang. Die Bänder sind gewebt, die Farben von dunklem Braun bis zum starken Rot in den unterschiedlichsten Tönungen und Übergängen, starke Kontraste finden sich neben sehr zarten Verläufen. Die Motive sind geometrisch, sie folgen in ihrer Ausrichtung an Vertikale und Horizontale dem elementaren Aufbau des Gewebten in Kette und Schuss. Friedemann der Teppichweber, so nannte er sich selber, hat die Arbeiten von 2016 bis 2018 geschaffen. Er nannte den Zyklus „Die Minarette des hl. Antonius“. Gewebt wurden die drei Bänder für Margarita Auer.

Vor zwei Monaten erhielt ich ein Schreiben von Margarita Auer. Für sie hatte Friedemann die drei Bänder gewebt. Nun bot sie mir die Arbeiten an: „Wenn sie Ihnen gefallen, sollten sie an einem Ort der Erneuerung hängen. Wenn Sie so einen kennen oder so einer bei Ihnen ist. Ein Ort, wo der Geist einer neuen Zeit weht. Denn Corona beschleunigt ja diese geistige Entwicklung meiner Meinung nach enorm. Das ist mir gestern schlagartig bewusst geworden, dass das nicht nur irgendein Ort sein kann.“ Die Bänder haben mir sehr gefallen. Die Konzilsgedächtniskirche ist für mich auch ein Ort der Erneuerung, wo der Geist einer neuen Zeit weht. Daher hängen die Bänder nun in unserer Kirche. Sie erinnern uns vielleicht an das Wehen des Geistes.

Margarita Auer hat mir auch einiges zu Friedemann selber mitgeteilt. „Friedemann war ein hochspiritueller Mensch, er hat mich immer an einen Zenmönch erinnert. Seine Werkstatt und Wohnraum war in der Hermanngasse in einer ehemaligen Tabakfabrik. Er hat nie seine Wohnungstür abgesperrt, man konnte jederzeit zu ihm gehen. Er hatte einen großen und bunten Freundeskreis. … Wenn er einmal seine Ruhe haben wollte, hat er einfach an die Tür ein Schild gehängt auf dem stand Matthäuspassion – das haben dann alle gewusst und respektiert. Gewidmet sind die Bänder dem hl. Antonius. Friedemann wusste genau um meine restlose Begeisterung zu diesem Heiligen.“

Friedemann Hoflehner, so sein voller Name, ist am 29. Oktober 2020 gestorben. Aus einem Nachruf (nachzulesen auf der homepage von qwien) habe ich noch einiges über ihn erfahren. Friedemann war homosexuell und bekannte sich offen dazu. Ende der 60er Jahre war er deswegen zu drei Monaten Arbeitshaus und bedingt zu drei Jahren Arrest verurteilt worden. Er kam 1968 nach Wien, schlug sich durch und hat 1973 zur Weberei gefunden. Um 1984 hatte er den Astrologen, Schriftsteller und Aktivisten Robert Blum kennen gelernt. Eine Liebe begann. Robert erkrankte in den frühen 90er Jahren an Aids und starb 1996. „Das Teppichweben wurde für Friedemann zum Lebensmittel, zum Überlebensmittel.“

Auch wegen der persönlichen Geschichte von Friedemann ist es mir sehr wichtig, dass die „Minarette des hl. Antonius“ in unserer Kirche hängen, an einem Ort, wo der Geist weht und Neues entstehen lässt.

Ein schönes Pfingstfest! Gustav Schörghofer SJ

Wo stehen wir?

Das Christentum ist eine Religion körperlicher Vereinigung. Möglicherweise ist deswegen bis in unsere Gegenwart alles Sexuelle mit Verdacht behaftet, da es den Kern des Christlichen berührt. Um Missverständnisse und Irrtümer zu vermeiden, muss es mit besonderer Sorgfalt behandelt werden. Dazu ist in den Schriften von Pierre Teilhard de Chardin und im „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil einiges zu lesen. Auch die Bibel ist voll von Hinweisen. Wie könnte es anders sein. Ein schönes Beispiel ist in den Abschiedsreden von Jesus bei Johannes zu finden: das Gleichnis vom Weinstock und den Reben (Joh 15, 1-6). Hier ist von einer physischen Einheit des Weinstocks mit den Reben die Rede. Nur in Verbindung mit dem Weinstock können die Reben Frucht bringen. Das Wasser wird aus der Tiefe der Erde nach oben geholt und strömt in die Reben. Im Austausch mit der Umgebung nimmt das Leben des Weinstocks Gestalt an, wächst er in seine Gestalt hinein. Diese Gestalt bringt aus sich heraus die Frucht. Die Tätigkeit des Winzers besteht darin, das Gewächs zu veredeln, sein Wachstum zu ermöglichen und die Frucht zur Vollkommenheit zu bringen. Im Gleichnis ist Jesus der Weinstock, der Vater der Winzer, die Menschen die Reben. Der ganze Vorgang ist nur möglich, wenn eine körperliche Einigung von Jesus und Menschen besteht und wenn in dieser Vereinigung ein Prozess zunehmender Vervollkommnung geschieht.

Das alles hat erstaunliche Konsequenzen. Denn es bedeutet, dass Christentum nicht ohne physische Begegnung und Nähe, ja Vereinigung gelebt werden kann. Das betrifft den Umgang mit Dingen und allen Lebewesen. Mit welchen Dingen befasse ich mich? Welche Dinge habe ich um mich versammelt? Was esse ich? Wie nahe lasse ich Lebewesen an mich heran? Wie nahe lasse ich Menschen an mich heran? Es ist eine Täuschung zu meinen, ich könnte mich isolieren, mich bewahren, indem ich mich distanziere. Die Grenzen meines Körpers und seiner Umwelt sind fließend. Was bedeutet hier nun Veredelung, Vervollkommnung? Ich muss darauf achten, was ich an mich heranlasse und was ich in mich eindringen lasse. Die Rebe wird vom Weinstock mit Nährstoffen versorgt. Die Sonne und die Luft lassen sie gedeihen. Doch es gibt auch Gifte. Es gibt Schädlinge. Was ist mit denen? Der kräftige Weinstock wird sich mit seinen natürlichen Freunden, anderen Lebewesen, gegen all das behaupten.

Am Weinstock bleiben heißt auf jeden Fall, das Risiko physischer Nähe und Vereinigung zu leben. Physische Einigung kann auch darin bestehen, gemeinsam Musik zu machen und zu hören, gemeinsam ein Bild anzuschauen, gemeinsam Theater zu machen und im Theater zu sein, gemeinsam zu essen und zu feiern. Auch in der Eucharistiefeier geschieht physische Vereinigung, im gemeinsamen Hören, Handeln und Beten, im gemeinsamen Essen und Trinken. Auferstehung geschieht als physische Vereinigung. Wo stehen wir, wenn all das in Fragen gestellt werden kann?

Gesegnete Ostern! Gustav Schörghofer SJ

Tiefe Freude

Eben habe ich ein Video angeschaut, das den Künstler John Baldessari vorstellt („THIS NOT THAT“ The artist John Baldessari, a Jan Schmidt-Garre film). Wenn Sie jetzt nicht wissen, wer John Baldessari ist, halb so schlimm. Mich hat etwas beeindruckt, das ich manchmal bei Menschen entdecke, die ihre Arbeit mit Hingabe machen. Es ist eine große Ruhe und Selbstverständlichkeit in der Art und Weise, wie Baldessari sich benimmt und äußert. Ich könnte auch Demut sagen, wenn es nicht ein bisserl zu pathetisch wäre. Aber auf jeden Fall etwas ganz Einfaches und, das teilt sich eher unausgesprochen mit, eine tiefe Anteilnahme am Leben anderer und eine tiefe Freude. Ja, eine tiefe Freude.

Und über die Freude wollte ich ein wenig schreiben. Denn sie ist in unserer gegenwärtigen Situation in arger Bedrängnis. Sicherlich wird auch jetzt gelacht und freuen sich Beschenkte über die erfahrene Zuwendung. Doch die tiefe Freude, die unabhängig von äußeren Umständen erhalten bleibt, die also nicht von erfreulichen Erlebnissen wachgerufen wird, sondern alles Begegnende in einem eigenen Licht betrachten lehrt, diese tiefe Freude hat es heute nicht leicht. Dabei tut sie uns gerade jetzt bitter not. Denn wie sollen wir aus der Bedrückung herausfinden, wenn es nicht ein Licht von innen her gibt, das uns den Weg weist.

Wie können wir diese tiefe Freude entdecken? Denn mir ist klar, dass sie in jedem und jeder da ist, gewissermaßen schlummert, und nicht zu erzeugen, sondern zu entdecken, zu wecken ist. Ich habe einen ganz einfachen Weg gefunden, um diese Entdeckung zu machen. Ich muss, was ich denke, rede und tue mit Hingabe machen. Mit Hingabe – das sagt sich leicht. Denn Hingabe ist eine Form des Vertrauens, wer mit Hingabe etwas tut, vertraut sich einem anderen an, liefert sich gewissermaßen aus. Und das ist eine heikle Sache. Gerade jetzt, wo so viele sehr darauf bedacht sind, sich zu schützen, auf Nummer sicher zu gehen. Vielleicht ist es aber möglich, ein Milieu zu kultivieren, das Hingabe hervorlockt. Ein Milieu also, in dem Vertrauen und Hingabe unterstützt werden. In einem solchen Milieu wird die Erfahrung gemacht, dass ein hingebungsvoller Schritt ins Ungewisse von einem großen Wohlwollen, einer dauernden Liebe begleitet wird. Ich kann den Boden unter den Füßen verlieren, weil das Wasser mich trägt. Ich kann mich hingebungsvoll auf Neues einlassen, weil ich in einem tiefen Vertrauen geborgen bin.

Die tiefe Freude kommt aus der Hingabe. Wir können ein Milieu kultivieren, in dem es möglich ist, diese Hingabe zu üben. Wir können einander wahrnehmen, einander stützen, einander helfen, einander zuhören und auch berühren. Wir können einander beistehen auf vielfältige Weise. So entsteht ein Milieu, in dem Hingabe möglich ist und gelebt wird. Und so werden wir eine tiefe Freude entdecken, die uns immer mehr erfüllt. Und wir werden diese Freude auch in anderen Menschen entdecken.

Gustav Schörghofer SJ


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