Predigten

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Predigt vom 7.Juni 2020, Dreifaltigkeitssonntag

Wir sind Christen
Was soll das bedeuten? Ich bin Christ, ich bin Christin. Was wird damit gesagt? Ich befinde
mich in einem Gespräch. Ich gehe ein in den Raum eines Gesprächs. Ich höre damit auf, eine Welt nach meinen eigenen Vorstellungen zu entwerfen. Ich beginne damit, ein Hörender zu sein. Was gibt es zu hören? Um mich herum ist ein Getöse von Gesprochenem, Mitteilungen von allen Seiten. Manches spricht mich an, manches stößt mich ab. Manches klingt verlockend, manches verführerisch, manches warnend, manches befehlend, manches abweisend. Wie werde
ich aus all dem klug, wie finde ich einen Weg, wie lerne ich das Belebende vom Zerstörerischen zu scheiden? Für Christen gilt das Wort Gottes als wegweisend. Doch wenn ich die Bibel lese, werde ich auch nicht klüger. Was wird da nicht alles gesagt! Die unterschiedlichsten Vorstellungen begegnen mir. Der Gott, von dem hier die Rede ist, erscheint liebevoll und unfassbar grausam zugleich. Und was die Menschen betrifft, wird ohnedies kein Blatt vor den Mund genommen. Beschönigend ist die Bibel nicht.


Von der Musik habe ich gelernt, auf den cantus firmus zu achten. Gibt es ein Thema, ein Motiv, eine Melodie, die in immer neuen Variationen vorgetragen sich durch das Ganze durchzieht, gewissermaßen eine gleichbleibende, in allem enthaltene Grundmusik bildet? Gibt es in der Bibel einen cantus firmus, ein Gotteswort, in dem sich das Wesen Gottes zu erkennen gibt? Mir scheint, dass es diesen cantus firmus gibt. Wenn ich alles, was in der Bibel von Gott gesagt wird, zusammennehme, dann ist eine durchgehende Gottesmelodie zu hören: Gott ist um seine Schöpfung bemüht. Er hat nicht nur erschaffen, ins Leben gerufen, einen Anfang gesetzt, sondern er ist dauernd um dieses Geschaffene bemüht. Dieses Bemühen geschieht liebevoll, denn es eröffnet immer wieder Wege ins Freie, selbst dann, wenn alles zu Ende scheint. Gott ist ein Befreier, der mit seinem Volk in die Freiheit geht. Aus Tod und Unterdrückung weist er einen Weg ins Offene des Lebens. Diese Grundmelodie wird den Juden bis heute ungebrochen zugespielt. Für Christen hat sie in Jesus Christus eine eigene und ganz besondere Gestalt bekommen. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,7) Das heißt, in Jesus Christus wird mir etwas zugesagt, dem ich mich anvertrauen kann. Es ist ein Wort, das in mir eine Antwort wachruft. Aus dieser Antwort geht die Gestalt des Christen, der Christin hervor. Doch zuerst kommt das Hören.


Es ist nicht leicht, sich dem Wort, das mir in Jesus Christus zugesagt wird, anzuvertrauen. Denn allzu fremd scheint der Gedanke, dass sich Gott in einem konkreten Menschen, einem Juden aus dem Stamm Juda, offenbart. Da muss man schon genau hinschauen. Einen jeden wird etwas anderes überzeugen. Mich überzeugt die Schönheit. Aber auch hier muss unterschieden werden. Es gibt eine Schönheit des Bösen und eine Schönheit des Guten. Tintoretto hat in der Scuola di San Rocco in Venedig den Satan der Versuchung Jesu als wunderschönen Engel dargestellt. Doch die Schönheit Jesu ist frei von allem verführerischen Glanz, von jeder Demonstration von Macht. Sie ist eine Schönheit der Stille und der kleinen Dinge, eine Schönheit der Armen und eine Schönheit derer, denen Schmerz ein ständiger Begleiter ist. In dieser Schönheit Jesu leuchtet etwas auf, das mich fasziniert. Dass sich Gott aus Liebe zu seiner Welt auf den Weg macht, aus sich heraustritt und einen Raum der Liebe eröffnet, in den wir eintreten können, das ist für mich unfassbar wahr und schön. In diesem Raum der Liebe Gottes zu leben, das heißt für mich, Christ zu sein.
Gustav Schörghofer SJ Dreifaltigkeitssonntag


Predigt 31.5.2020, Pfingstsonntag

Nach der Stille

„Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.“ So beginnt Peter Brook den ersten von vier
Vorträgen, die 1968 unter dem Titel „The empty space“ erschienen sind. Ein leerer Raum; ein Mann, der geht; einer, der zusieht – „das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist“. Was ist notwendig? Das frage ich mich jetzt immer wieder, wenn ich über Glauben, Feiern, Begegnen nachdenke. Notwendig ist nur wenig: einer, der spricht; einer, der hört; eine Distanz, ein Raum zwischen beiden, Raum der Begegnung. Dieser Raum muss leer gehalten werden, damit er offen ist für das, was in ihm geschehen soll. Es muss in diesem Raum Stille herrschen, damit das in ihn hinein Gesprochene zu hören ist.


Wir werden lernen müssen, radikal zu denken. Noch einmal zurück dorthin, wo alles begonnen hat. Zu viel hat sich angesammelt an Gewohntem, Üblichem, zu viel an Beiwerk, schmückendem Firlefanz, zu viel an scheinbar Notwendigem und vermeintlich Unveräußerlichem. Lassen wir uns das alles einmal nehmen und kehren wir zurück zu den Anfängen. Begonnen hat alles ganz einfach. Ein Raum, geschlossen, versperrt. Eine kleine
Gemeinschaft, Männer und Frauen. Die Gegenwart des Auferstandenen. Die Wunden, ein Gruß, eine Ermächtigung. Sie werden angehaucht, wie damals der Lehm ganz am Anfang. Es wird ihnen neues Leben geschenkt. Dieses Leben nimmt Gestalt an im Vergeben von Schuld und im Abgrenzen gegen jede Schuld. Und wenige Tage später: wieder ein geschlossener Raum, eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, wieder ein Hauchen, diesmal mächtiger, ein Brausen, und, wortlos diesmal, eine Ermächtigung. Nun haben die Menschen dieser kleinen Gemeinschaft gelernt, zu reden. Sie reden frei ins Offene, angstlos. Der verschlossene Raum steht nun offen. Seitdem leben die Glaubenden ins Offene. Es braucht also nicht viel: eine Stimme, ein Ohr, einen Raum für das Wort. So hat es begonnen: einer ruft, einer hört, im Raum, der zwischen beiden entsteht, wird die Antwort wachgerufen.


Die Feier des Gottesdienstes ist nichts anderes: das Wort wird gesagt, Gottes Wort; das Wort wird gehört, es findet vertrauensvolle Aufnahme in den Hörenden; das Wort ruft im Hörenden die Antwort wach, eine jeweils besondere Antwort dessen, der in der Antwort als Person Gestalt annimmt. So wird die Kirche geboren. Die Gemeinschaft der Kirche ist eine Gemeinschaft von Hörenden, die ganz unterschiedliche Antworten geben. Doch da sich in allen Antworten der eine Geist verkörpert, erkennen sich die Verschiedenen als Gemeinschaft. Sie können
sich verständigen und verstehen.

So einfach ist das alles. Wir lernen es in diesen Wochen der Entsagung und des Verzichts neu. Wir leben inmitten von Ruinen. Vieles ist von der über uns gekommenen Naturkatastrophe zerstört worden. Die leeren Räume tun sich auf. Die Stille sickert ein. Nun ist die Stunde der Hellhörigen. Denn einer, der auferstanden ist, spricht leise. Er sucht die Leere, die Stille. Er braucht Distanz, um neue Nähe zu schaffen. Und dann hören wir sie wieder, die leisen Töne der zärtlichen
Zuwendung, der Vergebung, des Humors. Jetzt erreicht uns das Brausen des Pfingsttags noch wie von ferne, ein sanfter Lufthauch um die Wangen. Doch das ist erst ein Anfang. Mit Pfingsten ist aus der Kammermusik der Apostel und der Frauen nach und nach die Symphonie, der Chorgesang einer großen Gemeinschaft geworden. Eine Auferstehungssymphonie nach der großen Stille.

Gustav Schörghofer SJ Pfingstsonntag,31. Mai 2020

Predigt 24.5.2020

Vom Beten

Romano Guardini hat 1922 in Vorträgen, die unter dem Titel „Vom Sinn der Kirche“ erschienen sind, vom „Erwachen der Kirche in den Seelen“ gesprochen. Das ist lange her. Heute habe ich eher den Eindruck, dass von einem Sterben der Kirche in den Seelen die Rede sein könnte. Viele Menschen wurden von der Kirche enttäuscht, ja gedemütigt und schwer verletzt. Selbstverständlich war es die Institution Kirche, die so gehandelt hat, die amtlichen Vertreter eines Apparats, der vielfach ziemlich stumpfsinnig und nicht selten sogar bösartig vor sich hin funktioniert. Die Institution – das macht es nicht besser. Denn was hilft es, vom Mysterium der Kirche zu reden, wenn Zauber, Glanz und Wunder dieses Mysteriums nicht erfahrbar gemacht werden. Nun, so ist es einmal. Die Kirche ist ziemlich heruntergekommen. Auch in der gegenwärtigen Krise hat sie nicht viel mehr zu sagen als Bekräftigungen, dass den Anweisungen der Regierung
Folge zu leisten sei. Das ist alles gut und vernünftig. Aber von einer Kirche, die Mysterium ist und nicht bloß Mitarbeiterin des Gesundheitsministeriums, erwarte ich mir mehr.


Das ist nun der Punkt, wo gesagt wird und ich mir selber sage: Du bist ja selber Kirche – also los, zeig es! Du bist nicht nur Zuschauer beim großen Spektakel, du bist Mitspieler, gestaltest mit. Was also tun? Nach der endgültigen Trennung von Jesus, nach der Himmelfahrt, haben sich die Apostel eine Unterbrechung gegönnt. Sie blieben in einem Obergemach. „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.“ (Apg 1,14)
Also beten. Beten ist zurzeit in der Öffentlichkeit nicht besonders angesehen. Es wird in die privaten Zonen persönlicher Innerlichkeit verdrängt. Das öffentliche Beten der Muslime irritiert. Die braven Christen machen das diskret. Sie bleiben in ihrem „Obergemach“. Damit erfüllen sie aber auch eine Weisung Jesu in der Bergpredigt: „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ (Mt 6, 6) Hier ist von einem Gott die Rede, der im Verborgenen ist. Mit meinem Gebet gehe ich ein in dieses Verborgene. Ausdruck davon ist, dass das Gebet selber im Verborgenen geschieht. Gott, der Vater, sieht das Verborgene. Es sind die Gebete vieler Menschen im Verborgenen, die die Kirche tragen und nicht die Verlautbarungen der Oberhirten. Gottesliebe wird ausschließlich im Verborgenen gelebt. Sie fordert von mir, dass ich mich immer neu dem Unfassbaren der Liebe ausliefere. Was in einem Betenden vorgeht, weiß doch niemand und soll niemand wissen. Aus diesem vertrauensvollen Eingehen in das Verborgene schöpft das Gebet seine ungeheure Kraft. Denn das Gebet geht allem Tun und Reden voran und hält den Weg ins Unbekannte auch dort offen, wo Tun und Reden nicht mehr weiter können und in Verzweiflung enden. Doch das Gebet wird aus aller Verzweiflung immer neu erwachen und das Entgegenkommen des verborgenen Gottes herbeirufen. Dieses Entgegenkommen geschieht und wird auf vielfältige Weise erfahren. Denn Gott, der Vater, sieht das Verborgene. Reinhold Schneider hat in der grauenhaften
Jahren des Nationalsozialismus ein Gedicht geschrieben, das zigtausendfache Verbreitung gefunden hat, bis hinein in die Verzweiflung von Stalingrad: alein den Betern kann es noch gelingen“. Das gilt auch heute. Wir erleben gegenwärtig kein Gottesgericht, sondern die Gefährdung menschlichen Lebens, wie sie immer gegeben war. Dieser Gefährdung wird heute mit Wissenschaft und gut organisierten Systemen begegnet. Gott sei Dank. Doch es gibt etwas, das all das im Verborgenen trägt und das auch dort Zukunft eröffnet, wo alles zu Ende scheint. Es ist das Gebet vieler Menschen im Verborgenen.
Gustav Schörghofer SJ 7. Sonntag der Osterzeit, 24. Mai 2020

Predigt 21.5.2020

Abschied nehmen

Manche Abschiede sind leicht. Es scheint leichter zu sein, selber wegzugehen als verlassen zu werden. Der Verlassene bleibt in einer bedrückenden Enge zurück. Wer weggeht, hat das Neue vor sich oder hat zumindest das Bedrückende hinter sich gelassen. Manche Abschiede sind sehr schmerzhaft und schwer. Zu erleben, dass eine Liebe sich auflöst und möglicherweise sogar in Abneigung, ja Hass verwandelt, ist schrecklich. Wie schmerzhaft ist es auch, einen geliebten Menschen durch den Tod zu verlieren. Wie schmerzhaft ist es für den, der von einer Krankheit in den Tod gezwungen wird, die geliebten Menschen, die geliebte Welt zu verlassen. Oder wenn jemand zur Flucht gezwungen wird und nicht weiß, ob er die Heimat je wieder sehen wird. Abschied und Schmerz sind ein Geschwisterpaar, das uns im Leben ständig begleitet. Oft stehen sie so mächtig vor uns und treten so gewaltig in unser Leben, dass wir eine stille, unscheinbare Begleiterin beider nicht wahrnehmen. Es ist die Freude.


Das klingt merkwürdig. In den Abschiedsreden Jesu bei Johannes wird aber gerade dieses Motiv aufgegriffen: „Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln. Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. (Joh 16, 20-21)


Wie schön, dass Jesus hier auf die elementare Erfahrung von Frauen zurückgreift, um seinen Jüngern eine entscheidende Wirklichkeit zugänglich zu machen. Als Mann ist man allerdings in diesen Erfahrungsbereichen völlig unwissend. Ich habe Frauen gefragt, ob dieser Hinweis Jesu stimme. Sie haben mir versichert, dass die Schmerzen einer Geburt angesichts des Kindes mit einem Mal vergessen seien. Ja, ja, die Hormone, alles lässt sich auch schön vernünftig erklären. Aber in der Ordnung der Liebe betrachtet ist es doch ganz wunderbar, dass sich ein Schmerz in Freude verwandeln kann.


Eine andere elementare Erfahrung können nicht nur Mütter, sondern alle machen, Frauen und Männer. Es ist die Erfahrung des Kindes, das seinen ersten großen Abschied erlebt. Es wird aus der bergenden Höhle des Mutterleibs hinausgestoßen in eine fremde Welt. Mit einem Mal ist es vorbei mit gleichbleibender Temperatur, unschwer aufgenommener Ernährung, ohne Atemnot gesicherter Sauerstoffversorgung. Dieser erste große Abschied muss sein. Kind und Mutter würden ohne ihn zugrunde gehen. Wie viele Abschiede werden folgen im Lauf eines Lebens? Und wie viele Schmerzen begleiten sie? Aber vielleicht lernen wir nach und nach, auch die stille Begleiterin wahrzunehmen, die Freude.


Jesus spricht von der Freude des Wiedersehens. Merkwürdigerweise spricht er nicht davon, dass die Jünger einander wiedersehen werden. Sie werden Jesus wiedersehen, und Jesus wird sie wiedersehen. Es ist also gesagt, dass wir von
Abschied zu Abschied, von Schmerz zu Schmerz hineinwachsen in ein immer neues und tieferes Wahrnehmen Jesu Christi. Ich selber finde meinen Zugang zu dieser Wirklichkeit auch durch meine Erfahrung mit Kunstwerken. Ich schaue mir die gleichen Werke immer wieder an. Immer wieder nehme ich Abschied von Vorstelllungen und Interpretationen, immer neu lasse ich mich enttäuschen und nehme Abschied von mir selber, um immer tiefer wahrzunehmen, was mir vor Augen und Sinnen ist. Immer neu und immer tiefer erlebe ich so eine Freude, die von den Kunstwerken in mir wachgerufen wird.


Für viele ist die gegenwärtige Krise existenzbedrohend. Für uns alle, und ich meine hier eine Gemeinschaft, die über Staatsgrenzen hinausreicht, könnte die Krise auch ein Tor zu einer neuen Erfahrung auftun, wenn wir uns dem nicht verschließen, was sie uns an Abschied und Schmerz aufnötigt. Vielleicht entdecken wir die stille, unscheinbare Begleiterin beider.


Gustav Schörghofer SJ Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020

Predigt vom 17.05.2020

Nicht ohne Euch

Der Mann war schwer krank. Seine Frau hat ihn lange gepflegt. Doch die Einsamkeit nach seinem Tod konnte sie nicht ertragen. Sie war nicht allein, es gab Freundinnen und Familie. Doch die Welt wurde eng und unerträglich. Vor wenigen Wochen ist sie aus dem Fenster gesprungen und war sofort tot.


Diese Frau gehört zu meinem Leben wie meine Stiefmutter, die sich mit über neunzig Jahren das Leben genommen hat. Acht Jahre nach dem Tod meines Vaters hat sie es nicht mehr ertragen. „So geht es nicht mehr weiter“ hat sie auf einem Zettel hinterlassen. Das denke ich mir jetzt oft: So geht es nicht mehr weiter. Aber wie geht es weiter?

Jetzt soll es nach und nach eine Öffnung geben, eine Lockerung der strengen Bestimmungen, die zwei Monate lang gegolten haben. Aber ist es mit einer „neuen Normalität“ getan? Sollten wir nicht etwas gelernt haben? Wir laufen herum, das Gesicht verhüllt und mühsam atmend. Wir habe es aufgegeben, einander zu berühren und nahe zu kommen. Händewaschen und Desinfizieren werden zur Dauerbeschäftigung. Wie weiter?


Für die Liebe habe ich eine ganz einfache Formel: Ich will ohne dich nicht leben. Die Liebe kann verzehren, sie kann tödlich sein. Das habe ich durch meine Stiefmutter und durch die Frau, die aus dem Fenster gesprungen ist, erfahren.
Manchmal und vielleicht nicht selten sucht sie den Weg zum Geliebten durch den leiblichen Tod hindurch. Manchmal. Immer aber sucht sie den Weg zum Anderen durch den Tod eigener Wünsche, Vorstellungen, Interessen hindurch. Der Satz „Ich will nicht ohne dich leben“ kann besitzergreifend sein und den Anderen im Eigenen ersticken. Er kann aber auch befreiend sein. Er kann mir klar machen, dass ich für den Anderen da bin, dass mein Ich nur dann am Leben ist, wenn es für den Anderen am Leben ist.

Ohne wen oder was will ich nicht leben? Gerade in der jetzigen Krise kann ich mich dieser Frage stellen. Da gibt es Menschen, Dinge, Tiere, vielleicht Pflanzen, was auch immer. Eine ganze Welt ist mir zur Pflege überantwortet. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich physischen Abstand halten muss und mich hinter Masken verberge. Leben kann ich für den Anderen auf vielfältige Weise. Dieses Leben muss ich aber selber leben. Staat und Kirche mit ihren unterschiedlichen
Für-den-Anderen-da-sein-Modellen sind nur begrenzt hilfreich. Denn manches entgeht ihnen. Die Schönheit haben beide nicht im Blick. Alles, was mit Schönheit zu tun hat, und die Kunst, gerade die Kunst und jede Kunst hat mit Schönheit zu tun, all das scheint den gegenwärtig in Staat und Kirche Verantwortlichen merkwürdig fremd.


Ich will ohne Schönheit nicht leben. Ich will nicht ohne die Schönheit leben, die mir in geliebten Menschen aufleuchtet. Ich will auch nicht ohne die Schönheit leben, die mir in den Künsten aufleuchtet. Um meiner Liebe zur Schönheit willen habe
ich schon vieles aufgegeben. Im Teuren, Reichen, Glänzenden ist die Schönheit weit weniger zu finden als im Einfachen, Schlichten, ja im Armen. So entdecke ich Welten, die mir früher völlig unbekannt waren. Ich entdecke die Schönheit
des gering Geschätzten, die Schönheit des Verachteten. Künstlerinnen und Künstler habe mich vieles gelehrt. Lois Weinberger und Oswald Oberhuber. Und Karl Prantl. Und Franz Josef Altenburg. Und Meina Schellander. Und Heike
Schäfer. Und Barbara Eichhorn. Und Anneliese Schrenk. Und Ines Doujak. Und Brigitte Kowanz. Und Sabina Hörtner. Und Klaus Lang mit Barbara Konrad. Und Annelie Gahl. Und Caroline Mayrhofer. Und Katharina Klement. Und, und, und. Aber ich fange an, eine Litanei aufzusagen. Na ja, soll ja auch eine Predigt sein.


Gustav Schörghofer SJ 6. Sonntag der Osterzeit, 17. Mai 2020

Der weiße Fleck

Inzwischen sind die Landkarten bunt. Es gibt keine weißen Flecken mehr. Jene unbekannten Gegenden, unerforschten und noch nie begangenen Gebiete, die früher andeutungsweise auf den Karten verzeichnet waren, weiße Flecken, sie sind alle begangen, befahren, vermessen und erfasst. Wo immer ich bin, ich bewege mich auf bekanntem Terrain. Ich bin auffindbar, verfolgbar, lokalisierbar. Seeleute und Flieger, sie kennen die Koordinaten ihrer Position. Die Erde ist also ganz und gar vermessen, der materielle Raum ganz und gar bestimmt.

Wie ist es im geistigen Raum? Denn mit dem Materiellen allein ist es ja nicht getan. Es gibt auch den geistigen Raum, wie er in Gedanken und Entwürfen, in Phantasien und Einfällen aufgetan wird. Wer sich in diesen Raum begibt, der merkt bald, dass hier noch viel unbekanntes Territorium zu entdecken ist.


Und wie ist es im Raum der Liebe? Denn die Ordnung der Liebe ist eine andere als die des Geistes und eine andere als die des Materiellen. Sie ist bei kontinuierlichem Fortschreiten im Reich des Materiellen genauso wenig zu erreichen wie die Ordnung des Geistes. Aus der Ordnung des Geistes gelangt man wiederum nicht in die Ordnung der Liebe. Diese bildet einen eigenen Bereich. Er kann nur betreten werden, wenn ich mich auf die Liebe einlasse, ihrer besonderen Logik gehorche. Gegenwärtig wird viel Energie in die Ordnung des Materiellen investiert. Es wird auch mit großer Anstrengung nach Wegen in der Ordnung des Geistigen gesucht: Was fordert die Vernunft? Was hat die Wissenschaft zu sagen? Welche Erkenntnisse helfen, der gegenwärtigen Bedrohung zu begegnen? Auch in der Ordnung der Liebe ist vieles zu entdecken. Neue Aufmerksamkeit füreinander, Achtsamkeit, behutsames Entgegenkommen gehören dazu. Sehr viel ist von der Liebe zum Nächsten die Rede. Auf vielfältige Weise wird sie geübt.


Doch gibt es auf der Landkarte der Liebe einen großen weißen Fleck. Vielleicht wird er gerade jetzt deutlicher wahrnehmbar, wo so viel von Nächstenliebe die Rede ist. Es ist die Zone der Gottesliebe. Der Bereich der Gottesliebe tut sich als riesiges, unbekanntes Gebiet auf. Ein unerforschtes Land, ein unbegangenes Territorium, fremd, verlockend, faszinierend. Was bedeutet die Gottesliebe jetzt, wo gesagt wird, die Liebe würde sich im Distanzhalten zeigen? Die
Gottesliebe verlangt Distanz, sie fordert die größte Distanz, da der Abstand zwischen mir und Gott unendlich ist. Das wissen die Kartäusermönche am besten, deren Regel die strengste aller Ordensregeln ist. Sie ziehen sich in die Stille eines großen Schweigens zurück. Sie schweigen vor Gott, um nicht eigene Rede, eigene Gedanken, eigene Wünsche an ihn heranzutragen. Aber wenn es dabei bliebe, wären die Kartäuser und wären wir alle verloren. Es bleibt aber nicht dabei. Denn es gibt das Entgegenkommen Gottes, das in den Religionen auf vielfältige Weise, in Jesus Christus auf eine besondere und einmalige Weise erfahren wird. Die Gottesliebe ist nicht nur Liebe zu Gott, sie ist vor allem und zuerst Gottes Liebe zu uns. Diesem Entgegenkommen muss ich Raum schenken. Meine Liebe ist Antwort. Auch in der menschlichen Begegnung muss ich dem Anderen Raum schenken, eine Distanz wahren, um seine Liebe wahrnehmen zu können. Sonst höre ich nur den Lärm meines eigenen Herzens. Um den Herzschlag des Anderen zu hören, muss
ich lernen still zu sein.


Da die Ordnung der Liebe weder von der Ordnung des Materiellen noch von jener des Geistigen in kontinuierlichem Fortschreiten erreicht werden kann, bedeutet Distanz in der Ordnung der Liebe etwas anderes als in den anderen Bereichen. Es ist nicht Abstand im Materiellen, auch nicht der von der Vernunft gebotene Abstand. Es ist das Schaffen eines Freiraums, der offen ist für die Liebesmitteilung des Anderen. Diese kann im Schweigen geschehen, im Klang einer
Stimme, in der Musik, in behutsamen Worten, in den Farben und Formen der Kunst, der Natur. Die Liebesmitteilung des Anderen ist nicht an seine physische Präsenz gebunden. Sie kann auch im Virtuellen geschehen. Am schönsten ist sie
aber, wenn sie Fleisch und Blut annimmt, wie die Liebe Gottes.

Gustav Schörghofer SJ 5. Sonntag der Osterzeit, 10. Mai 2020

Predigt am 2.5.2020, 4. Sonntag der Osterzeit

Die leisen Töne

Langsam kommt der Schmerz. Zu Beginn war alles neu, ungewohnt, überraschend, auch
beängstigend. Nun kommt der Schmerz. Und es kommt die Trauer. Es wird nicht gesungen. Es wird nicht musiziert. Es werden keine Gottesdienste gefeiert. Wir können uns nicht leiblich als Gemeinschaft erfahren. Kinder sind von ihren
Freunden getrennt und alte Menschen leben einsam. Der Schmerz ist leise. Die Trauer wird nicht in Worte gefasst. Beide bleiben unausgesprochen. Zeitungen und Nachrichtensendungen vermitteln den Eindruck, dass der Verlust von so
vielem kein großes Gewicht hat. Die Religion, die Kunst, Musik und Dichtung, all das scheint verzichtbar. Aber vielleicht war es das immer. Vielleicht ist weder Religion, noch Musik, noch Kunst, noch Dichtung wirklich notwendig.
Vielleicht sind sie überflüssig. Das Leben kann ohne sie gelebt werden, zum Überleben notwendige Dinge sind andere.


Und doch ist da der Schmerz. Doch ist die Trauer da. Denn offenbar genügt es nicht, einfach zu leben, zu überleben. Das Leben ist mehr. Uns Menschen genügt nicht das bloße Leben, auch nicht in einer Konsumgesellschaft. Wir brauchen Steigerung. Wir leben auf einen Überfluss hin, in einen Überfluss hinein. Dieser Überfluss wird
von Religion, von Kunst, Dichtung, Musik verkörpert, sinnlich erfahrbar dargestellt. Wenn diese Erfahrung nicht gemacht werden kann, dann bleibt bloß das Wachstum im Materiellen. Doch gibt es nicht auch eine Steigerung im
Geistigen, in der Liebe? Wie können wir in Zeiten großer Einschränkungen und eines offenkundigen Mangels allerorten die Erfahrung eines uns zukommenden Überflusses bewahren?


Was Auferstehung ist, weiß nur der, dem alles genommen ist und der sich alles nehmen lässt. Erlösung ist nur möglich, wenn ich mir selber nicht mehr zu helfen weiß. An der Schwelle zur Erlösung hockt die Trauer. Ich darf mich an
ihr nicht vorbeischwindeln. Auf dem Weg in die Erlösung ist der Schmerz ein ständiger Begleiter. Viele Menschen erfahren gegenwärtig Schmerz, Trauer, ja sogar Verzweiflung. Viele bleiben im Verborgenen mit diesen Erfahrungen. Die
Trauernden schweigen.


Doch es gibt in der Trauer, im Schmerz, in der Stille, der Leere, dem Schweigen etwas zu entdecken. Etwas, das nur entdeckt werden kann, wenn ich an diesem Ort ausharre und mich offen halte für ein Entgegenkommen. Der Ort der Trauer und des Schmerzes ist auch der Ort der Liebe. Sie erreicht mich an diesem Ort auf eine unerhörte und neue Weise. In den Evangelien ist die Stimme des Auferstandenen leise, seine Gesten sind unscheinbar, sein Entgegenkommen wie das eines Gastes, der kaum hörbar den Raum betritt. Erlösung geschieht so unmerklich, dass sie der stillen Trauer, des stummen Schmerzes bedarf. Darin liegt die Schönheit der Erlösung verborgen, eine Schönheit, die in der Musik, der Kunst, der Dichtung entdeckt werden kann. Wunderbare Beispiele dafür sind in der Musik von Franz Schubert zu finden. So tut sich mir ein Bereich jenseits von Trauer und Schmerz auf, ein Bereich, der von der Schönheit der Gottesliebe erfüllt ist. Es ist sehr still in diesem Bereich, die Schritte werden behutsam gesetzt, die Worte sorgfältig gewählt, das Wunder im Keim wahrgenommen. Denn hier beginnt alles neu, leise wie das Wachsen der jungen Blätter auch dieses Frühlings.

Gustav Schörghofer SJ 4.Sonntag der Osterzeit, 3. Mai 2020

Predigt 26.April, 3. Sonntag der Osterzeit

Denken mit dem Herzen
Zurzeit regiert die Vernunft. Sie diktiert die Maßnahmen zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr. Sie diktiert jene Regeln, die helfen sollen, die Anzahl der Erkrankten so gering wie möglich zu halten und jene zu schützen, die besonders
gefährdet sind. Wir alle tun gut daran, diese Regeln zu befolgen und der Vernunft zu gehorchen.


Aber die Vernunft ist nicht alles. Immer deutlicher wird, dass es zur Gestaltung des Zusammenlebens auch anderes braucht als die von der Vernunft diktierten Maßnahmen. Es braucht das Herz. Es braucht ein Herz, das nicht nur in
Eigenliebe für sich selbst und das Eigene schlägt, sondern sich gleichermaßen in hingebungsvoller Liebe dem Anderen öffnet. So wie wir gelernt haben, auf die Vernunft zu hören, werden wir lernen müssen, auf unser Herz zu hören.


„Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt, das erfährt man in tausend Fällen.“ (Blaise Pascal, Pensées, Fragment 277) Blaise Pascal, der große Mathematiker und Denker, der tiefe Mystiker, er wusste etwas von einer Vernunft
des Herzens. Sie weiß mehr und anderes als die Vernunft des Verstandes. Um in der gegenwärtigen Krise bestehen zu können, bedarf es beider Kräfte. Krise bedeutet Gericht, und die Naturkatastrophe, von der wir gegenwärtig heimgesucht
werden, ist ein Gericht. Sie zeigt uns klar, dass wir nicht die Herren der Welt sind. Was uns heimsucht, ist kein Gericht Gottes, sondern ein Aufstand der Natur. Er kann uns helfen, unsere Beziehung zur Natur, zur eigenen und zur nicht menschlichen, und unsere Verantwortung dieser Natur gegenüber neu zu ordnen. Er kann uns helfen, wieder neu zu dem zu finden und zurückzukehren, was uns als Menschen ausmacht. Wir sind Körper und Geist, wir haben Verstand und
Herz. Wir sind zerbrechliche Wesen und darauf angewiesen, zärtlich und sorgfältig den Körper wie den Geist zu pflegen, den Verstand wie das Herz zu formen.


Zurzeit stehen die materiellen Belange des Zusammenlebens im Vordergrund. Die Wirtschaft dominiert das Denken. Alle Kräfte des Verstandes werden angespannt, um das materielle Funktionieren des Systems zu gewährleisten. Doch das genügt nicht. Das Herz ist nicht nur ein Muskel, sondern auch Anderes und mehr. Auffallend ist, dass es in der gegenwärtigen Krise um Religion und Kunst merkwürdig still geworden ist. Beides spielt im öffentlichen Diskurs keine
nennenswerte Rolle. Es wird erwartet, dass sich Kirche und Kunstschaffende den von der Vernunft diktierten Regeln unterwerfen. Das geschieht auch vernünftigerweise. Aber beide Bereiche werden nicht zu Rate gezogen, wenn es darum geht, in dieser Krise zu bestehen. Man begnügt sich damit, sie dem
geltenden Reglement unterstellt zu wissen, fragt aber nicht, ob sie nicht aus ihrem Eigenen etwas dazu beizutragen haben, um das Zusammenleben zu gestalten, möglicherweise sogar neu zu gestalten. Das wundert mich. Denn beide Bereiche verfügen über weitreichende Zugänge zu einer Wirklichkeit, auf die es jetzt besonders ankommt, zur Vernunft des Herzens.


„Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt …“ Wir müssen neu lernen, mit dem Herzen zu denken. Mit der Vernunft allein lässt sich jede Herzlosigkeit begründen. Doch das Herz erstarrt, wenn es nur mit sich selbst befasst ist und nur an das Eigene denkt. Jesus hat das „sklerokardia“ genannt, Hartherzigkeit. Von Natur aus haben wir ein Herz von Fleisch, ein verwundbares Herz. Vielleicht hilft eine Naturkatastrophe, uns von neuem auf diese Wirklichkeit zu besinnen. Sie steht im Zentrum des Glaubens der Kirche. Gott ist Mensch geworden, er hat ein Herz, ein verwundbares Herz. Dieses Herz schlägt für die Welt, die Schöpfung im Ganzen. Es gibt eine Vernunft des Herzens, die weit über das
hinausreicht, was die Vernunft des Verstandes einzusehen vermag. Gott wird mit dem Herzen erkannt.


Gustav Schörghofer SJ 3. Sonntag der Osterzeit, 26. April 2020

Predigt 19. April 2020 Weißer Sonntag

Er hauchte sie an

Social distancing, also Distanz halten, Nähe meiden, abgrenzen und absperren, isolieren, keine Familienfeiern, keine Besuche bei Großeltern, keine Besuche in Altenheimen und Krankenhäusern – alles das ist das Gebot der Stunde, auferlegt und auch aufgezwungen von Regierungen und Fachleuten angesichts einer Naturkatastrophe. Von einer Naturkatastrophe heimgesucht, verschließen wir uns in unserem eigenen System, um dieses System nicht zu gefährden. Bricht das Gesundheitssystem zusammen, sterben Menschen, deren Leben in einem funktionierenden System noch erhalten werden könnte. Und das Leben ist unser höchstes Gut. Das Leben darf nicht mutwillig gefährdet werden. Sicher.
Aber ist tatsächlich das Leben das höchste Gut? Wird nicht das Leben sinnlos, wenn es über sich hinaus nichts Größeres, nichts Höheres findet? Und was wäre dann das höchste Gut? Das Höchste ist weder in einem Gut noch in einem Wert zu finden, sondern in einer Haltung. Das Höchste ist die Hingabe des Lebens, nicht seine Bewahrung. Christen glauben an einen Gott, der sein Leben hingegeben hat, nicht bewahrt. Es ist ein Gott, der sich selbst für uns hingegeben hat und immer noch hingibt. Dieser Geist, diese Haltung ist die Grundlage der europäisch-abendländischen Kultur. Ihm verdankt sich unser Gesundheitssystem bis heute – auch ohne ausdrückliche Berufung auf das Christentum. Ihm verdankt sich auch die Kunst in vielerlei Gestalten, Musik, Dichtung, Malerei, Bildhauerei, Fotografie und Film, neue Medien. Diesem Geist verdankt sich auch die Kirche, die aus der Begegnung mit dem Auferstandenen hervorgegangen ist.

Wir werden von einer Naturkatastrophe heimgesucht. Was uns auferlegt und aufgezwungen wird, soll größere Übel verhindern. Aber zu sagen, die Liebe verlange jetzt Distanz, ist ein Unsinn. Die Liebe braucht gewiss Distanz, aber sie sucht die Nähe zum Geliebten. Die Liebe besteht darin, dass der Liebende dem Geliebten mitteilt von dem, was er ist und hat, und der Geliebte dem Liebenden ebenso. Mitteilen bedeutet hier nicht, aus der Distanz Signale der Zuneigung zu senden, sondern hingebungsvolles Dasein für den Anderen.


Zurzeit zerfällt Europa in Nationalstaaten, und die Nationalstaaten zerfallen in immer kleinere, voneinander isolierte Einheiten. An die Flüchtlinge jenseits der Grenzen denkt jetzt im öffentlichen Diskurs niemand mehr. Und Afrika ist völlig aus dem Wahrnehmungsfeld geschwunden, nur von ferne erreichen uns traurige Nachrichten. Doch wen kümmert das in der gegenwärtigen Situation eigener Gefährdung? Ja, wir sind eng geworden im Denken. Uns lenkt ein Kleingeist, der
nicht von uns Besitz ergreifen darf. Wir haben uns zu sehr in eine von Menschen
konstruierte Realität hineinbegeben und die nicht menschliche Natur brutal ausgebeutet. Doch wir sind selber Teil dieser Natur. Das hat auch die Kirche zu
lange vergessen. Aus dem Geist der Hingabe werden wir eine neue Beziehung zur Natur finden, wenn wir uns aus der von Menschen konstruierten Realität herauswagen. Das Internet ist dabei keine Hilfe, da es die von Menschen konstruierte Realität perfekt darstellt. Nötig ist die Wendung zur konkreten Wirklichkeit, die Pflege der Dinge, die Pflege der Pflanzen und aller Lebewesen.


Jesus kommt zu den Jüngern hinter verschlossenen Türen. Er schenkt ihnen Nähe, zeigt seine Wunden, er haucht sie an, er lässt sich berühren. Dieses Verhalten Jesu passt nicht recht zu dem, was uns zurzeit aufgenötigt wird. Wir werden neu lernen müssen, aus dem Geist Jesu, aus dem Geist der Hingabe zu leben. Wir müssen uns anhauchen lassen.


Gustav Schörghofer SJ

Hausgottesdienst (auch für eine Person geeignet)

Wir brauchen: eine schöne Kerze, die Bibel, Wasser in einer Schale, wenn gerne gesungen wird, auch passende Lieder

Am Tisch.


Die Kerze wird entzündet. Dazu ein Segensgebet:


Allmächtiger, ewiger Gott, du hast durch Christus allen, die an dich glauben, das Licht deiner Herrlichkeit geschenkt. Segne das Licht dieser Kerze, das neue Feuer, das die Nacht erhellt, und entflamme in uns die Sehnsucht nach dir, dem
unvergänglichen Licht, damit wir mit reinem Herzen zum ewigen Osterfest gelangen. Darum bitte wir durch Christus, unseren Freund und Bruder.


Nun werden aus der Bibel die drei Lesungen aus dem Alten Testament gelesen:
Gen 1,1 – 2,2 Die Schöpfung
Ex 14,15 – 15,1 Der Durchzug durch das Rote Meer
Jes 55,1-11 „Auf ihr Durstigen, kommt zum Wasser“
Dann die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Rom:
Röm 6,3-11
und das Evangelium
Mt 28,1-10


Vielleicht wäre es dann sehr schön, ein bisserl über das Gehörte zu sprechen. Oder sich gegenseitig zu erzählen, wie man selber Auferstehung erfährt und erfahren hat. Gerade in der jetzigen Situation gibt es ja viele Erfahrungen von ganz
unerwarteten Begegnungen und Ereignissen. Wer alleine feiert, kann sich an persönliche Erfahrungen erinnern.


Taufgedächtnis:
Segnung des Wassers: Herr unser Gott, wir bitten dich, segne dieses Wasser, das uns deine Sorge für uns zeigst. Du hast das Wasser erschaffen, ohne das kein Leben sein kann. Du hast dein Volk durch die Wasser des Roten Meeres in die Freiheit geführt. Durch das Wasser reinigst du in der Taufe uns Menschen von aller Schuld und schenkst uns das neue Leben deiner Gnade. Wir bitten dich: Lass uns feststehen in der Gnade, die du uns schenkst und dich immer preisen.


Glaubensbekenntnis:
Wir glauben, dass du der lebendige und lebensspendende Gott bist, der Vater als Ursprung aller Dinge, der Sohn, der für uns Mensch geworden ist und uns die Liebe Gottes zeigt, der Heilige Geist, der das Feuer der Liebe Gottes in uns ist.


Zur Erinnerung an die Taufe sich (oder auch andere) mit dem Wasser bekreuzigen. Dann können Bitten anschließen oder ein Dank. In diese Fürbitte alles und alle hineinnehmen, die uns lieb sind, und auch die, die es uns schwer machen, denen wir etwas zu verzeihen haben oder die wir um Verzeihung bitte sollten (an den Gruß des Auferstandenen denken: Friede sei mit euch!)


Das „Vater Unser“ beten.


Gebet: Allmächtiger Gott, du hast deiner Kirche durch die österlichen Geheimnisse neues Leben geschenkt. Bewahre und beschütze uns in deiner Liebe und führe uns zur Herrlichkeit der Auferstehung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.


Segen:
An diesem Tag, der geheiligt ist durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, segne uns der gütige Gott.
In Christus haben wir Anteil am ewigen Leben. In ihm führe uns Gott zur unvergänglichen Herrlichkeit.
Unser Erlöser hat uns durch die Tage seines Leidens zur österlichen Freude geführt. Er geleite uns alle Tage des Lebens bis zu jener Osterfreude, die niemals endet.
Das gewähre uns der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen


Anschließen könnte ein Frühstück oder ein festliches Osteressen. Auf jeden Fall etwas, das Freude macht und schön ist. Prosit! Gesegnete Ostern!

Predigt vom 12. April, Ostersonntag

Aus dem Nichts

„Es wird schon irgendwie weitergehen, glauben die Menschen, mit der Wirtschaft, mit dem
Wohlstand, mit der Sicherheit, mit dem Leben. Die Menschen leben weiter in der Wiederkehr des immer Gleichen. Doch für den Einzelnen kann es plötzlich vorbei sein. Wer den Tod oder den Weggang eines Menschen erleidet, kommt an ein Ende. Gibt es dort, wo alles vorbei ist, noch etwas zu entdecken? Zunächst ist alles aus. Und dann? Es heißt, ein Christ habe den Tod hinter sich und die Liebe vor sich. Das klingt sehr schön, setzt aber voraus, dass die Liebe aus dem Nichts
erstehen kann, etwas völlig Neues, noch nie Dagewesenes. Keine Wiederholung, keine Wiederkehr des immer Gleichen. Gibt es das, die Musik nach dem Ende? Sie müsste dann anders sein. Beziehungen müssten anders gelebt werden, Kunstwerke anders aussehen und Priester anders sprechen. In jeder Begegnung müsste das Staunen darüber mitschwingen, dass der Andere da ist. Der Andere, das ist der Fremde, das ist der, der durch den Tod hindurch zu entdecken ist – nur durch den Tod hindurch. Im Glauben und in der Kunst geht es letztlich um nichts anderes als um die Begegnung mit diesem Fremden.“


Diesen Text habe ich meinem Buch „Drei im Blau“ als Motto vorangestellt. Geschrieben wurde er in Erinnerung an den Oboisten der Wiener Symphoniker Wolfgang Zimmerl. Ich kannte ihn vom Spielen in der Jesuitenkirche. Als Priester war ich dort gewissermaßen am 4. Pult der 1. Geigen ins Orchester integriert, die Oboe nur
wenige Meter von mir. Der hoch sensible Musiker Wolfgang Zimmerl hat sich 2011 das Leben genommen. Für die Gedächtnisfeier in der Jesuitenkirche habe ich diesen Text geschrieben. Er hat seine Gültigkeit für mich nicht verloren. Ganz im Gegenteil, sie geht mir in diesen Wochen einer weltweiten Krise neu auf. Eine Naturkatastrophe zwingt uns zu einer bis vor kurzem noch für unmöglich gehaltenen Unterbrechung in allen Bereichen des Lebens.


Es wird schon irgendwie weitergehen. Nein, es geht nicht irgendwie weiter. Wir haben die Leere vor Augen, die Stille im Ohr, den Tod vor uns. Wann, wenn nicht jetzt, bietet sich die Möglichkeit eines neuen Anfangs? Es lässt sich gerade jetzt
eine elementare Wahrheit des Glaubens neu entdecken: Ein Christ hat den Tod hinter sich und die Liebe vor sich. Denn das feiern wir zu Ostern. Ostern ist das Fest der neuen Schöpfung. Jesus Christus hat „durch seine Auferstehung den
Tod bezwungen und das Leben neu geschaffen“ beten wir im 4. Hochgebet. Wie die alte Schöpfung ist auch die neue eine Schöpfung aus dem Nichts. Etwas Neues, noch nie Dagewesenes. Die Liebe ersteht aus dem Nichts. Sie hat keine Ursache, keine Voraussetzung, keinen Grund, sie kommt aus dem Nichts. Der Leib des Auferstandenen ist nicht ein revitalisierter Körper. Er ist Schöpfung aus dem Nichts. Zuwendung, Vergebung, Zuspruch, Entgegenkommen Jesu Christi – all das geschieht aus dem Nichts. Uns wird in der Begegnung mit dem Auferstandenen zu verstehen gegeben: Auch wir vermögen eine Liebe zu leben, die aus dem Nichts kommt. Die für ihr Dasein keines äußeren Grundes bedarf. Warum liebst du? Weil ich liebe. Es gibt keine andere Antwort.


Das Orchester spielt die große Musik Gottes, das Lied der neuen Schöpfung. Und wir alle sind hineingenommen in dieses Spiel, spielen mit, gewissermaßen am 4. Pult der 1. Geigen. Jede und jeder trägt den Gesang mit, stimmt ein und singt auf seine, auf ihre Weise mit. Warum singst du? Weil ich singe. Ich singe das Lied der neuen Schöpfung, das Lied einer Liebe, die aus dem Nichts kommt. Gemeinsam mit allen anderen singe ich dieses Lied. Voller Staunen darüber, dass ich, dass die Anderen da sind.


Gustav Schörghofer SJ Ostern 2020

Predigt vom 5. April 2020 Palmsonntag

In der Stille

In Opernhäusern und Konzertsälen, in Kirchenräumen und Festsälen ist es jetzt still. Es ist jetzt still auf den Straßen und Plätzen. Laut ist es jetzt dagegen in den virtuellen Räumen des Internets. Angebot wird auf Angebot getürmt. Die virtuellen Regale sind übervoll. Jeder Pfarrer, der etwas auf sich hält, lässt eine ihm unsichtbare Gemeinde teilhaben an den Mysterien, die er hinter verschlossenen Türen feiert. Spirituelle Angebote werben um Aufmerksamkeit. Ja, die gesamte Kulturszene verlagert weite Bereiche ihrer Aktivitäten ins Internet. Und nicht nur die Kulturszene. So leer die Straßen sind, so volkreich erscheinen die virtuellen Räume, so still es in den weiten Sälen ist, so eindringlich tönt es aus den Geräten.


Mir ist die Stille lieber. Vielleicht ist die Stille der sonst so belebten Räume unsere große Chance. Vielleicht weist uns diese überraschende Stille auf etwas hin, das uns sonst im Lärm des Alltags, durch die Betriebsamkeit der kulturellen und
religiösen Veranstalter leicht entgeht. Worauf weist mich die Stille hin?

Die Stille zeigt mir, dass ich immer ein Empfangender bin. Ich bin nicht zuerst der Gebende, Produzierende, Erfindende. Ich bin zuerst der Beschenkte. Diese Einsicht eröffnet einen neuen und frischen Zugang zu meinem Leben, von der Geburt bis in die Gegenwart. Es lohnt sich, in der Stille auszuharren und sich dieser so einfachen wie leicht übersehenen Realität inne zu werden.


Die Erfahrung der Stille nimmt mir die Angst vor Verlusten. Denn die Stille zeigt mir, dass all das, was mir genommen wird, nicht einfach nur schön und gut war, sondern mir auch den Blick auf Anderes und Größeres und Weiteres verstellt hat. Mit jedem Verlust tut sich auch das Tor zu neuen Räumen auf. Die Angst zu verlieren, die Angst vor Bedrohung durch unbekannte Feinde, die Angst zu kurz zu kommen, all das engt meine Welt ein. Ich errichte Mauern um mich, vertraue mein Leben einer trügerischen Sicherheit an. Die Stille nimmt mir die Angst. Sie zeigt mir, dass ich in weiten Räumen zu Hause bin. Sie zeigt mir, dass meine Welt weit größer und wunderbarer ist, als ich es in Momenten der Sorge
wahrhaben will. Die Stille zeigt mir, dass ich nur eines zu befürchten habe: mich einzuschließen in meine enge Welt. Denn dann bin ich nicht mehr empfänglich für die Mitteilungen aus den weiten Räumen des Lebens.


Und noch etwas: Die Stille lehrt mich das Warten. Im Warten besteht die Schönheit der Stille. Das Warten lehrt mich, diese wunderbare Schönheit zu erkennen. Wer nicht warten kann, wer alles gleich und unverzüglich haben muss, ist arm. Das, was schnell zu haben ist, ist nicht viel wert. Es entbehrt jener tiefen Schönheit, die sich denen zu erkennen gibt, die in Stille zu warten wissen. Doch dieses Warten darf nicht mit passivem Nichtstun verwechselt werden. Es ist ein gesammeltes Tun, gespanntes Hinhören, aufmerksames Schauen, achtsame und behutsame Annäherung an ein Gegenüber. Es ist vor allem, und darin zeigt sich das Geheimnis dieses Wartens, ein Offenwerden für das, was mir begegnet. Das wache Ausharren in der Stille öffnet mich für die Wahrnehmung eines Entgegenkommens. Dieses Entgegenkommen geschieht in allen Dingen. Es ist, wenn ich einmal den Sinn dafür bekommen habe, das Entgegenkommen einer großen, unfassbaren Schönheit und Liebe.


Die Stille öffnet das Tor zur Welt. Im geduldigen Verweilen und im wachen Erwarten gibt sich mir die tiefe Schönheit der Welt zu erkennen. Daher liebe ich die Stille und hüte sie.

Gustav Schörghofer SJ

Predigt vom 29. März 2020 5.Fastensonntag

Was denkt der Pfarrer?

Auch ein Pfarrer sollte denken. Es genügt ja nicht, Anweisungen, Verordnungen, Rubriken, Canones getreulich zu befolgen. Es genügt auch nicht, umsichtig zu organisieren, tüchtig zu arbeiten, viel zu reden und eine pastorale Emsigkeit
zu entfalten. Es sollte auch gedacht werden. Was aber heißt denken? Für mich heißt denken, in einer gegebenen Situation Möglichkeiten des Zukünftigen wahrzunehmen. Denken heißt für mich, eine Präzision der sinnlichen Wahrnehmung zu pflegen und in den Ereignissen Bilder zu erkennen, das heißt, Offensichtliches als Hinweis auf verborgene Wirklichkeiten deuten zu lernen.


Ein Beispiel: Ich habe am vergangenen Sonntag die Übertragung der Messe aus der Kirche des Wiener Priesterseminars angesehen. Zu sehen und zu hören war: Hier feiern fünf Personen in einer leeren Kirche. Sicherlich ist für viele Menschen die Möglichkeit, einen Gottesdienst vor dem Bildschirm zu Hause mitzufeiern, wichtig. Aber was hier zu sehen und zu hören war, ruft in mir das Bild einer Kirche wach, die ihre Zeremonien in leeren Räumen vollzieht. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, Kirchen, die am Sonntag noch voll sind. Doch vielfach leeren sich die Kirchen. Und die gegenwärtigen Übertragungen von Gottesdiensten führen das vor Augen und Ohren. Sie präsentieren das Bild eines allgemeinen Zustands. Die Priester feiern ja noch, doch es fehlt das Volk. Der hellsichtige Paul Klee
bemerkte einmal im Hinblick auf die Künstler seiner Zeit, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „Uns trägt kein Volk.“ Das gilt auch jetzt für die Priester. Uns trägt kein Volk. Da hilft kein Herumreden. Mit der Kirche der Kleriker ist es vorbei. Sie feiern wohl noch in abgeschlossenen Räumen. Doch da ist kein Volk. Wo ist das Volk? Es ist draußen. Am Ende jeder Messe werden die Menschen hinausgeschickt. Ich sage: „Gehet hin und bringt den Frieden!“ Und dann gehen sie. Ich habe keinen Zweifel, dass sie den Frieden in die Welt tragen, auf vielfache Weise. Die letzte gemeinsam gefeierte Messe habe ich auch mit diesem Zuruf beendet. Und dann sind wir gegangen. Seitdem feiere ich keine Messe mehr
in unserer Kirche. Am Sonntag feiere ich mit meinen Mitbrüdern, der kleinen Jesuitengemeinschaft im Kardinal König Haus. Aber während der Woche verzichte ich auf die Feier der Messe. Nun ist es an der Zeit, dass wir draußen den
Frieden bringen. Die Möglichkeiten physischer Begegnung sind sehr eingeschränkt. Aber wir sind auf vielfältige Weise miteinander in Verbindung. Die Hilfsbereitschaft entwickelt einen wunderbaren Erfindungsreichtum. Und so wird
eine Kirche gelebt, die ganz anders ist als die Klerikerkirche alter Zeiten. Es ist eine Kirche der Getauften, die als Sauerteig in die Zivilgesellschaft hineingeknetet wird und oft gar nicht im ausdrücklichen Sinn als „römisch-katholisch“ zu erkennen ist. Sie gibt sich aber zu erkennen an ihren Taten, ihrer Wachheit, ihrer Feinfühligkeit.


Was denkt also der Pfarrer? Er denkt: Diese schwere Zeit spielt uns eine Möglichkeit zu, das zu leben, was wir immer schon gelebt haben, dessen wir uns aber zu wenig innegeworden sind. Die Getauften leben in der Welt, in der Gesellschaft als Ferment, als Enzym, als Spurenelement. Sie leben in der Gesellschaft in der Art eines Aromas, eines Farbstoffes, eines Duftes. Jede und jeder machen das auf ihre Weise. Sie tragen dazu bei, dass der Geist Christi in dieser Welt erfahrbar bleibt. In diesem Volk weiß ich mich geborgen. Und Messe werden wir auch wieder feiern.


Gustav Schörghofer SJ

Predigt vom 22. März 2020 4. Sonntag der Fastenzeit

Ansteckend

Es herrscht Ansteckungsgefahr. Begegnet wird dieser Gefahr durch das Vermeiden direkter
Kontakte. Kein Händegeben, keine Nähe, keine Versammlungen. Es werden Grenzen gezogen, kleine Einheiten isolieren sich gegenüber anderen. Das Abgrenzen und Eingrenzen ist sicher ein wichtiges Mittel, um die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen.

Isolierung, Eingrenzung, Abgrenzung sind Haltungen, die für den Organismus einer Gemeinschaft heilsam sein können. Sie können ihn aber auch vergiften, nachhaltig schädigen. Es hängt bei Giften von der Dosierung ab, ob sie heilen
oder töten, nützen oder schaden.


Individuen, Gemeinschaften, Staaten, sie alle separieren sich gegenwärtig voneinander. Gut versorgte Gesellschaften haben so die Hoffnung, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln den Erkrankten angemessen helfen zu können. Was aber, wenn bei anderen die zur Verfügung stehenden Mittel nicht reichen? Im Februar hatte Italien ein Hilfegesuch für medizinische Ausrüstung an das Zentrum für die Koordination von Notfallmaßnahmen der EU gerichtet. Doch kein einziger Mitgliedstaat der EU fand sich bereit, Italien zu Hilfe zu kommen. Wer half, war China. Am 12. März landete ein chinesisches Flugzeug mit neun Pandemie-Experten und 31 Tonnen Hilfsgütern in Rom. (NZZ, 17. März 2020)


Was geschieht, wenn sich Europas Staaten einander gegenüber immer mehr abgrenzen? Was geschieht, wenn sich Europa anderen Völkern gegenüber abschottet? Was geschieht mit den hilflosen Flüchtlingen an den Grenzen Europas und im Nahen Osten? Nicht nur Krankheiten sind ansteckend, sondern auch geistige Haltungen. Wenn Einzelne in der Sorge um sich und ihr enges Umfeld nur daran denken, möglichst viel an Vorräten zu hamstern, ist es nicht dramatisch. Wenn sich diese Haltung aber verbreitet und viele so handeln, entsteht ein Chaos. Wenn Abgrenzung zeitlich und räumlich begrenzt geübt wird, ist sie hilfreich. Wenn sie aber zu einer den Umgang von Individuen, Gemeinschaften, Völkern und Staaten prägenden Haltung wird, droht Erstickungsgefahr. Nicht nur die Ausgegrenzten sind gefährdet. Auch
jene, die sich ihnen gegenüber abschließen erleiden Schaden. Das Böse ist ansteckend.


Doch ansteckend ist auch das Gute. Den gefährdeten Menschen wird Aufmerksamkeit, Hilfe, Rücksichtnahme entgegengebracht, die außerordentlich sind. Ärztinnen, Ärzte und Pflegende setzen sich mit Hingabe dafür ein, dass Erkrankte Hilfe finden. Es entstehen neue Beziehungsnetze. Achtsamkeit und Aufmerksamkeit füreinander werden mehr als früher zu alltäglichen Erfahrungen. Mitgefühl und Barmherzigkeit finden neue und überraschende Ausdrucksformen. Auch das Schöne kann völlig neu erfahren werden. Musikerinnen und Musiker spielen bei offenen Fenstern. Menschen singen über die Straßen miteinander. Viele werden das Wachsen und Gedeihen in der Natur jetzt mit neuen Augen sehen. Und im Stillen wird etwas gelebt und wächst, von dem wir keine Ahnung haben. Viele alte Menschen beten und tragen mit ihrem Gebet die Mühen anderer. Viele leben im Verborgenen eine Liebe, die gerade jetzt notwendig und alles andere als selbstverständlich ist. Sie wenden sich jenen Menschen zu, die sich selber nicht helfen können.


Lassen wir uns also anstecken! Lassen wir uns anstecken vom guten Geist der Liebe, der Zuwendung zum Anderen! Lassen wir uns anstecken von jenem Geist, der uns weit über die Grenzen der eigenen engen Welt hinausführt, ins Freie, ins Offene jenes Landes, das die grenzenlose Liebe zu schaffen vermag.


Gustav Schörghofer SJ

Predigt vom 15. März 2020

Warum lacht Christus?

Es ist eine sehr ernste Situation. Dürfen wir in dieser Situation lachen? Ja, ich denke, wir dürfen lachen. Nicht über die Situation, aber in ihr. Wir stehen ja mitten drinnen, und vielen drückt es die Kehle zu. Doch gerade jetzt dürfen wir das Lachen nicht verlernen. Gerade jetzt ist das Lachen notwendig. Von welchem Lachen spreche ich? Ich rede vom Lachen der Schöpfung. Ich rede vom Lachen Jesu Christi. Der Maler Herbert Boeckl wurde einmal gefragt, warum sein apokalyptischer Christus in der Seckauer Engelkapelle lache. „Er lacht“, war die Antwort des Malers, „weil er gewonnen hat.“


Das ganze Leben Jesu war ein Lachen. Und er lacht durch die Zeiten hindurch und auch heute. Er lacht, weil er gewonnen hat. Das Lachen kann mir niemand anschaffen. Ich kann es nicht aus mir herauszwingen. Das Lachen muss mir zugespielt werden. Es muss in mir wachgerufen werden. Jesus Christus spielt mir sein Lachen zu. Mit ihm kann auch ich lachen.


Was heißt das nun? In den kommenden Wochen werden wir keine Messen feiern. Auch ich werde keine Messe feiern. Denn eine Messe wird nicht allein hinter verschlossenen Türen gefeiert. Was ist die Messe? Sie ist die Feier der Gegenwart und des Entgegenkommens Jesu Christi. Die Messe macht uns erfahrbar: Wir sind der Leib Christi. Wir empfangen in der Messe, was wir sind: Leib Christi. Daher ist jede Messe von einem großen Lachen erfüllt. Wie können wir dieses Lachen bewahren ohne Feier der Messe? Wir werden es bewahren, indem wir als Leib Christi leben.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass jede und jeder mit ihren Stärken, Fähigkeiten, Talenten eine besondere Aufgabe und Verantwortung hat am Aufbau eine Gemeinschaft. Wir dürfen uns nicht voneinander abschließen, auch wenn wir
nicht in Gruppen zusammenkommen können. Jede und jeder ist nicht nur für sich, sondern auch für die Gemeinschaft aller da. Das bedeutet Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Wachheit, Rücksichtnahme besonders den Schwächeren gegenüber. Wir können durch das Telefon und auf viele andere Weisen miteinander verbunden sein und diese Aufmerksamkeit leben. Was braucht der Andere? Wie kann ich ihm beistehen? Wir werden dabei auch über die Grenzen unserer Gemeinde hinausdenken und auch andere miteinbeziehen, denen wir verbunden sind. Dazu gehört auch die St. Ignatius von Loyola Schule in Mosambik, die wir im Zug einer Partnerschaft unterstützen. So leben wir als Leib Christi und Christus lacht in uns und durch uns. Er lacht, weil er gewonnen hat. Und wir haben mit ihm gewonnen.


So wie in der Gemeinschaft der Getauften ein großes Lachen ist, so ist auch jedes ernsthafte Werk der Kunst ein Lachen. Denn es wurde als Ja zum Leben in eine Welt mit vielen Neins gestellt. Der Bau unserer Kirche ist ein solches Ja und
die neue Rauminstallation von Sabina Hörtner ist es auch. Die Musik ist ein solches Ja. Und die Dichtung ist ein solches Ja. Vielleicht ist jetzt mehr Zeit für Musik und Dichtung, mehr Zeit für Kunst. Auch mehr Zeit für das persönliche
Gebet. Die Konzilsgedächtniskirche wird Tag und Nacht geöffnet sein.


Ja, es gibt ein großes Lachen auch in dieser ernsten Situation. Es ist das Lachen eines Gottes, der für uns Mensch geworden ist, sein Leben für uns hingibt und für uns aufersteht, für einen jeden und eine jede von uns. Er lacht, weil er gewonnen hat. Mit ihm können auch wir lachen, weil wir gewonnen haben.


Gustav Schörghofer SJ