Predigten

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Hausgottesdienst (auch für eine Person geeignet)

Wir brauchen: eine schöne Kerze, die Bibel, Wasser in einer Schale, wenn gerne gesungen wird, auch passende Lieder

Am Tisch.


Die Kerze wird entzündet. Dazu ein Segensgebet:


Allmächtiger, ewiger Gott, du hast durch Christus allen, die an dich glauben, das Licht deiner Herrlichkeit geschenkt. Segne das Licht dieser Kerze, das neue Feuer, das die Nacht erhellt, und entflamme in uns die Sehnsucht nach dir, dem
unvergänglichen Licht, damit wir mit reinem Herzen zum ewigen Osterfest gelangen. Darum bitte wir durch Christus, unseren Freund und Bruder.


Nun werden aus der Bibel die drei Lesungen aus dem Alten Testament gelesen:
Gen 1,1 – 2,2 Die Schöpfung
Ex 14,15 – 15,1 Der Durchzug durch das Rote Meer
Jes 55,1-11 „Auf ihr Durstigen, kommt zum Wasser“
Dann die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Rom:
Röm 6,3-11
und das Evangelium
Mt 28,1-10


Vielleicht wäre es dann sehr schön, ein bisserl über das Gehörte zu sprechen. Oder sich gegenseitig zu erzählen, wie man selber Auferstehung erfährt und erfahren hat. Gerade in der jetzigen Situation gibt es ja viele Erfahrungen von ganz
unerwarteten Begegnungen und Ereignissen. Wer alleine feiert, kann sich an persönliche Erfahrungen erinnern.


Taufgedächtnis:
Segnung des Wassers: Herr unser Gott, wir bitten dich, segne dieses Wasser, das uns deine Sorge für uns zeigst. Du hast das Wasser erschaffen, ohne das kein Leben sein kann. Du hast dein Volk durch die Wasser des Roten Meeres in die Freiheit geführt. Durch das Wasser reinigst du in der Taufe uns Menschen von aller Schuld und schenkst uns das neue Leben deiner Gnade. Wir bitten dich: Lass uns feststehen in der Gnade, die du uns schenkst und dich immer preisen.


Glaubensbekenntnis:
Wir glauben, dass du der lebendige und lebensspendende Gott bist, der Vater als Ursprung aller Dinge, der Sohn, der für uns Mensch geworden ist und uns die Liebe Gottes zeigt, der Heilige Geist, der das Feuer der Liebe Gottes in uns ist.


Zur Erinnerung an die Taufe sich (oder auch andere) mit dem Wasser bekreuzigen. Dann können Bitten anschließen oder ein Dank. In diese Fürbitte alles und alle hineinnehmen, die uns lieb sind, und auch die, die es uns schwer machen, denen wir etwas zu verzeihen haben oder die wir um Verzeihung bitte sollten (an den Gruß des Auferstandenen denken: Friede sei mit euch!)


Das „Vater Unser“ beten.


Gebet: Allmächtiger Gott, du hast deiner Kirche durch die österlichen Geheimnisse neues Leben geschenkt. Bewahre und beschütze uns in deiner Liebe und führe uns zur Herrlichkeit der Auferstehung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.


Segen:
An diesem Tag, der geheiligt ist durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, segne uns der gütige Gott.
In Christus haben wir Anteil am ewigen Leben. In ihm führe uns Gott zur unvergänglichen Herrlichkeit.
Unser Erlöser hat uns durch die Tage seines Leidens zur österlichen Freude geführt. Er geleite uns alle Tage des Lebens bis zu jener Osterfreude, die niemals endet.
Das gewähre uns der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen


Anschließen könnte ein Frühstück oder ein festliches Osteressen. Auf jeden Fall etwas, das Freude macht und schön ist. Prosit! Gesegnete Ostern!

Predigt vom 12. April, Ostersonntag

Aus dem Nichts

„Es wird schon irgendwie weitergehen, glauben die Menschen, mit der Wirtschaft, mit dem
Wohlstand, mit der Sicherheit, mit dem Leben. Die Menschen leben weiter in der Wiederkehr des immer Gleichen. Doch für den Einzelnen kann es plötzlich vorbei sein. Wer den Tod oder den Weggang eines Menschen erleidet, kommt an ein Ende. Gibt es dort, wo alles vorbei ist, noch etwas zu entdecken? Zunächst ist alles aus. Und dann? Es heißt, ein Christ habe den Tod hinter sich und die Liebe vor sich. Das klingt sehr schön, setzt aber voraus, dass die Liebe aus dem Nichts
erstehen kann, etwas völlig Neues, noch nie Dagewesenes. Keine Wiederholung, keine Wiederkehr des immer Gleichen. Gibt es das, die Musik nach dem Ende? Sie müsste dann anders sein. Beziehungen müssten anders gelebt werden, Kunstwerke anders aussehen und Priester anders sprechen. In jeder Begegnung müsste das Staunen darüber mitschwingen, dass der Andere da ist. Der Andere, das ist der Fremde, das ist der, der durch den Tod hindurch zu entdecken ist – nur durch den Tod hindurch. Im Glauben und in der Kunst geht es letztlich um nichts anderes als um die Begegnung mit diesem Fremden.“


Diesen Text habe ich meinem Buch „Drei im Blau“ als Motto vorangestellt. Geschrieben wurde er in Erinnerung an den Oboisten der Wiener Symphoniker Wolfgang Zimmerl. Ich kannte ihn vom Spielen in der Jesuitenkirche. Als Priester war ich dort gewissermaßen am 4. Pult der 1. Geigen ins Orchester integriert, die Oboe nur
wenige Meter von mir. Der hoch sensible Musiker Wolfgang Zimmerl hat sich 2011 das Leben genommen. Für die Gedächtnisfeier in der Jesuitenkirche habe ich diesen Text geschrieben. Er hat seine Gültigkeit für mich nicht verloren. Ganz im Gegenteil, sie geht mir in diesen Wochen einer weltweiten Krise neu auf. Eine Naturkatastrophe zwingt uns zu einer bis vor kurzem noch für unmöglich gehaltenen Unterbrechung in allen Bereichen des Lebens.


Es wird schon irgendwie weitergehen. Nein, es geht nicht irgendwie weiter. Wir haben die Leere vor Augen, die Stille im Ohr, den Tod vor uns. Wann, wenn nicht jetzt, bietet sich die Möglichkeit eines neuen Anfangs? Es lässt sich gerade jetzt
eine elementare Wahrheit des Glaubens neu entdecken: Ein Christ hat den Tod hinter sich und die Liebe vor sich. Denn das feiern wir zu Ostern. Ostern ist das Fest der neuen Schöpfung. Jesus Christus hat „durch seine Auferstehung den
Tod bezwungen und das Leben neu geschaffen“ beten wir im 4. Hochgebet. Wie die alte Schöpfung ist auch die neue eine Schöpfung aus dem Nichts. Etwas Neues, noch nie Dagewesenes. Die Liebe ersteht aus dem Nichts. Sie hat keine Ursache, keine Voraussetzung, keinen Grund, sie kommt aus dem Nichts. Der Leib des Auferstandenen ist nicht ein revitalisierter Körper. Er ist Schöpfung aus dem Nichts. Zuwendung, Vergebung, Zuspruch, Entgegenkommen Jesu Christi – all das geschieht aus dem Nichts. Uns wird in der Begegnung mit dem Auferstandenen zu verstehen gegeben: Auch wir vermögen eine Liebe zu leben, die aus dem Nichts kommt. Die für ihr Dasein keines äußeren Grundes bedarf. Warum liebst du? Weil ich liebe. Es gibt keine andere Antwort.


Das Orchester spielt die große Musik Gottes, das Lied der neuen Schöpfung. Und wir alle sind hineingenommen in dieses Spiel, spielen mit, gewissermaßen am 4. Pult der 1. Geigen. Jede und jeder trägt den Gesang mit, stimmt ein und singt auf seine, auf ihre Weise mit. Warum singst du? Weil ich singe. Ich singe das Lied der neuen Schöpfung, das Lied einer Liebe, die aus dem Nichts kommt. Gemeinsam mit allen anderen singe ich dieses Lied. Voller Staunen darüber, dass ich, dass die Anderen da sind.


Gustav Schörghofer SJ Ostern 2020

Predigt vom 5. April 2020 Palmsonntag

In der Stille

In Opernhäusern und Konzertsälen, in Kirchenräumen und Festsälen ist es jetzt still. Es ist jetzt still auf den Straßen und Plätzen. Laut ist es jetzt dagegen in den virtuellen Räumen des Internets. Angebot wird auf Angebot getürmt. Die virtuellen Regale sind übervoll. Jeder Pfarrer, der etwas auf sich hält, lässt eine ihm unsichtbare Gemeinde teilhaben an den Mysterien, die er hinter verschlossenen Türen feiert. Spirituelle Angebote werben um Aufmerksamkeit. Ja, die gesamte Kulturszene verlagert weite Bereiche ihrer Aktivitäten ins Internet. Und nicht nur die Kulturszene. So leer die Straßen sind, so volkreich erscheinen die virtuellen Räume, so still es in den weiten Sälen ist, so eindringlich tönt es aus den Geräten.


Mir ist die Stille lieber. Vielleicht ist die Stille der sonst so belebten Räume unsere große Chance. Vielleicht weist uns diese überraschende Stille auf etwas hin, das uns sonst im Lärm des Alltags, durch die Betriebsamkeit der kulturellen und
religiösen Veranstalter leicht entgeht. Worauf weist mich die Stille hin?

Die Stille zeigt mir, dass ich immer ein Empfangender bin. Ich bin nicht zuerst der Gebende, Produzierende, Erfindende. Ich bin zuerst der Beschenkte. Diese Einsicht eröffnet einen neuen und frischen Zugang zu meinem Leben, von der Geburt bis in die Gegenwart. Es lohnt sich, in der Stille auszuharren und sich dieser so einfachen wie leicht übersehenen Realität inne zu werden.


Die Erfahrung der Stille nimmt mir die Angst vor Verlusten. Denn die Stille zeigt mir, dass all das, was mir genommen wird, nicht einfach nur schön und gut war, sondern mir auch den Blick auf Anderes und Größeres und Weiteres verstellt hat. Mit jedem Verlust tut sich auch das Tor zu neuen Räumen auf. Die Angst zu verlieren, die Angst vor Bedrohung durch unbekannte Feinde, die Angst zu kurz zu kommen, all das engt meine Welt ein. Ich errichte Mauern um mich, vertraue mein Leben einer trügerischen Sicherheit an. Die Stille nimmt mir die Angst. Sie zeigt mir, dass ich in weiten Räumen zu Hause bin. Sie zeigt mir, dass meine Welt weit größer und wunderbarer ist, als ich es in Momenten der Sorge
wahrhaben will. Die Stille zeigt mir, dass ich nur eines zu befürchten habe: mich einzuschließen in meine enge Welt. Denn dann bin ich nicht mehr empfänglich für die Mitteilungen aus den weiten Räumen des Lebens.


Und noch etwas: Die Stille lehrt mich das Warten. Im Warten besteht die Schönheit der Stille. Das Warten lehrt mich, diese wunderbare Schönheit zu erkennen. Wer nicht warten kann, wer alles gleich und unverzüglich haben muss, ist arm. Das, was schnell zu haben ist, ist nicht viel wert. Es entbehrt jener tiefen Schönheit, die sich denen zu erkennen gibt, die in Stille zu warten wissen. Doch dieses Warten darf nicht mit passivem Nichtstun verwechselt werden. Es ist ein gesammeltes Tun, gespanntes Hinhören, aufmerksames Schauen, achtsame und behutsame Annäherung an ein Gegenüber. Es ist vor allem, und darin zeigt sich das Geheimnis dieses Wartens, ein Offenwerden für das, was mir begegnet. Das wache Ausharren in der Stille öffnet mich für die Wahrnehmung eines Entgegenkommens. Dieses Entgegenkommen geschieht in allen Dingen. Es ist, wenn ich einmal den Sinn dafür bekommen habe, das Entgegenkommen einer großen, unfassbaren Schönheit und Liebe.


Die Stille öffnet das Tor zur Welt. Im geduldigen Verweilen und im wachen Erwarten gibt sich mir die tiefe Schönheit der Welt zu erkennen. Daher liebe ich die Stille und hüte sie.

Gustav Schörghofer SJ

Predigt vom 29. März 2020 5.Fastensonntag

Was denkt der Pfarrer?

Auch ein Pfarrer sollte denken. Es genügt ja nicht, Anweisungen, Verordnungen, Rubriken, Canones getreulich zu befolgen. Es genügt auch nicht, umsichtig zu organisieren, tüchtig zu arbeiten, viel zu reden und eine pastorale Emsigkeit
zu entfalten. Es sollte auch gedacht werden. Was aber heißt denken? Für mich heißt denken, in einer gegebenen Situation Möglichkeiten des Zukünftigen wahrzunehmen. Denken heißt für mich, eine Präzision der sinnlichen Wahrnehmung zu pflegen und in den Ereignissen Bilder zu erkennen, das heißt, Offensichtliches als Hinweis auf verborgene Wirklichkeiten deuten zu lernen.


Ein Beispiel: Ich habe am vergangenen Sonntag die Übertragung der Messe aus der Kirche des Wiener Priesterseminars angesehen. Zu sehen und zu hören war: Hier feiern fünf Personen in einer leeren Kirche. Sicherlich ist für viele Menschen die Möglichkeit, einen Gottesdienst vor dem Bildschirm zu Hause mitzufeiern, wichtig. Aber was hier zu sehen und zu hören war, ruft in mir das Bild einer Kirche wach, die ihre Zeremonien in leeren Räumen vollzieht. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, Kirchen, die am Sonntag noch voll sind. Doch vielfach leeren sich die Kirchen. Und die gegenwärtigen Übertragungen von Gottesdiensten führen das vor Augen und Ohren. Sie präsentieren das Bild eines allgemeinen Zustands. Die Priester feiern ja noch, doch es fehlt das Volk. Der hellsichtige Paul Klee
bemerkte einmal im Hinblick auf die Künstler seiner Zeit, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „Uns trägt kein Volk.“ Das gilt auch jetzt für die Priester. Uns trägt kein Volk. Da hilft kein Herumreden. Mit der Kirche der Kleriker ist es vorbei. Sie feiern wohl noch in abgeschlossenen Räumen. Doch da ist kein Volk. Wo ist das Volk? Es ist draußen. Am Ende jeder Messe werden die Menschen hinausgeschickt. Ich sage: „Gehet hin und bringt den Frieden!“ Und dann gehen sie. Ich habe keinen Zweifel, dass sie den Frieden in die Welt tragen, auf vielfache Weise. Die letzte gemeinsam gefeierte Messe habe ich auch mit diesem Zuruf beendet. Und dann sind wir gegangen. Seitdem feiere ich keine Messe mehr
in unserer Kirche. Am Sonntag feiere ich mit meinen Mitbrüdern, der kleinen Jesuitengemeinschaft im Kardinal König Haus. Aber während der Woche verzichte ich auf die Feier der Messe. Nun ist es an der Zeit, dass wir draußen den
Frieden bringen. Die Möglichkeiten physischer Begegnung sind sehr eingeschränkt. Aber wir sind auf vielfältige Weise miteinander in Verbindung. Die Hilfsbereitschaft entwickelt einen wunderbaren Erfindungsreichtum. Und so wird
eine Kirche gelebt, die ganz anders ist als die Klerikerkirche alter Zeiten. Es ist eine Kirche der Getauften, die als Sauerteig in die Zivilgesellschaft hineingeknetet wird und oft gar nicht im ausdrücklichen Sinn als „römisch-katholisch“ zu erkennen ist. Sie gibt sich aber zu erkennen an ihren Taten, ihrer Wachheit, ihrer Feinfühligkeit.


Was denkt also der Pfarrer? Er denkt: Diese schwere Zeit spielt uns eine Möglichkeit zu, das zu leben, was wir immer schon gelebt haben, dessen wir uns aber zu wenig innegeworden sind. Die Getauften leben in der Welt, in der Gesellschaft als Ferment, als Enzym, als Spurenelement. Sie leben in der Gesellschaft in der Art eines Aromas, eines Farbstoffes, eines Duftes. Jede und jeder machen das auf ihre Weise. Sie tragen dazu bei, dass der Geist Christi in dieser Welt erfahrbar bleibt. In diesem Volk weiß ich mich geborgen. Und Messe werden wir auch wieder feiern.


Gustav Schörghofer SJ

Predigt vom 22. März 2020 4. Sonntag der Fastenzeit

Ansteckend

Es herrscht Ansteckungsgefahr. Begegnet wird dieser Gefahr durch das Vermeiden direkter
Kontakte. Kein Händegeben, keine Nähe, keine Versammlungen. Es werden Grenzen gezogen, kleine Einheiten isolieren sich gegenüber anderen. Das Abgrenzen und Eingrenzen ist sicher ein wichtiges Mittel, um die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen.

Isolierung, Eingrenzung, Abgrenzung sind Haltungen, die für den Organismus einer Gemeinschaft heilsam sein können. Sie können ihn aber auch vergiften, nachhaltig schädigen. Es hängt bei Giften von der Dosierung ab, ob sie heilen
oder töten, nützen oder schaden.


Individuen, Gemeinschaften, Staaten, sie alle separieren sich gegenwärtig voneinander. Gut versorgte Gesellschaften haben so die Hoffnung, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln den Erkrankten angemessen helfen zu können. Was aber, wenn bei anderen die zur Verfügung stehenden Mittel nicht reichen? Im Februar hatte Italien ein Hilfegesuch für medizinische Ausrüstung an das Zentrum für die Koordination von Notfallmaßnahmen der EU gerichtet. Doch kein einziger Mitgliedstaat der EU fand sich bereit, Italien zu Hilfe zu kommen. Wer half, war China. Am 12. März landete ein chinesisches Flugzeug mit neun Pandemie-Experten und 31 Tonnen Hilfsgütern in Rom. (NZZ, 17. März 2020)


Was geschieht, wenn sich Europas Staaten einander gegenüber immer mehr abgrenzen? Was geschieht, wenn sich Europa anderen Völkern gegenüber abschottet? Was geschieht mit den hilflosen Flüchtlingen an den Grenzen Europas und im Nahen Osten? Nicht nur Krankheiten sind ansteckend, sondern auch geistige Haltungen. Wenn Einzelne in der Sorge um sich und ihr enges Umfeld nur daran denken, möglichst viel an Vorräten zu hamstern, ist es nicht dramatisch. Wenn sich diese Haltung aber verbreitet und viele so handeln, entsteht ein Chaos. Wenn Abgrenzung zeitlich und räumlich begrenzt geübt wird, ist sie hilfreich. Wenn sie aber zu einer den Umgang von Individuen, Gemeinschaften, Völkern und Staaten prägenden Haltung wird, droht Erstickungsgefahr. Nicht nur die Ausgegrenzten sind gefährdet. Auch
jene, die sich ihnen gegenüber abschließen erleiden Schaden. Das Böse ist ansteckend.


Doch ansteckend ist auch das Gute. Den gefährdeten Menschen wird Aufmerksamkeit, Hilfe, Rücksichtnahme entgegengebracht, die außerordentlich sind. Ärztinnen, Ärzte und Pflegende setzen sich mit Hingabe dafür ein, dass Erkrankte Hilfe finden. Es entstehen neue Beziehungsnetze. Achtsamkeit und Aufmerksamkeit füreinander werden mehr als früher zu alltäglichen Erfahrungen. Mitgefühl und Barmherzigkeit finden neue und überraschende Ausdrucksformen. Auch das Schöne kann völlig neu erfahren werden. Musikerinnen und Musiker spielen bei offenen Fenstern. Menschen singen über die Straßen miteinander. Viele werden das Wachsen und Gedeihen in der Natur jetzt mit neuen Augen sehen. Und im Stillen wird etwas gelebt und wächst, von dem wir keine Ahnung haben. Viele alte Menschen beten und tragen mit ihrem Gebet die Mühen anderer. Viele leben im Verborgenen eine Liebe, die gerade jetzt notwendig und alles andere als selbstverständlich ist. Sie wenden sich jenen Menschen zu, die sich selber nicht helfen können.


Lassen wir uns also anstecken! Lassen wir uns anstecken vom guten Geist der Liebe, der Zuwendung zum Anderen! Lassen wir uns anstecken von jenem Geist, der uns weit über die Grenzen der eigenen engen Welt hinausführt, ins Freie, ins Offene jenes Landes, das die grenzenlose Liebe zu schaffen vermag.


Gustav Schörghofer SJ

Predigt vom 15. März 2020

Warum lacht Christus?

Es ist eine sehr ernste Situation. Dürfen wir in dieser Situation lachen? Ja, ich denke, wir dürfen lachen. Nicht über die Situation, aber in ihr. Wir stehen ja mitten drinnen, und vielen drückt es die Kehle zu. Doch gerade jetzt dürfen wir das Lachen nicht verlernen. Gerade jetzt ist das Lachen notwendig. Von welchem Lachen spreche ich? Ich rede vom Lachen der Schöpfung. Ich rede vom Lachen Jesu Christi. Der Maler Herbert Boeckl wurde einmal gefragt, warum sein apokalyptischer Christus in der Seckauer Engelkapelle lache. „Er lacht“, war die Antwort des Malers, „weil er gewonnen hat.“


Das ganze Leben Jesu war ein Lachen. Und er lacht durch die Zeiten hindurch und auch heute. Er lacht, weil er gewonnen hat. Das Lachen kann mir niemand anschaffen. Ich kann es nicht aus mir herauszwingen. Das Lachen muss mir zugespielt werden. Es muss in mir wachgerufen werden. Jesus Christus spielt mir sein Lachen zu. Mit ihm kann auch ich lachen.


Was heißt das nun? In den kommenden Wochen werden wir keine Messen feiern. Auch ich werde keine Messe feiern. Denn eine Messe wird nicht allein hinter verschlossenen Türen gefeiert. Was ist die Messe? Sie ist die Feier der Gegenwart und des Entgegenkommens Jesu Christi. Die Messe macht uns erfahrbar: Wir sind der Leib Christi. Wir empfangen in der Messe, was wir sind: Leib Christi. Daher ist jede Messe von einem großen Lachen erfüllt. Wie können wir dieses Lachen bewahren ohne Feier der Messe? Wir werden es bewahren, indem wir als Leib Christi leben.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass jede und jeder mit ihren Stärken, Fähigkeiten, Talenten eine besondere Aufgabe und Verantwortung hat am Aufbau eine Gemeinschaft. Wir dürfen uns nicht voneinander abschließen, auch wenn wir
nicht in Gruppen zusammenkommen können. Jede und jeder ist nicht nur für sich, sondern auch für die Gemeinschaft aller da. Das bedeutet Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Wachheit, Rücksichtnahme besonders den Schwächeren gegenüber. Wir können durch das Telefon und auf viele andere Weisen miteinander verbunden sein und diese Aufmerksamkeit leben. Was braucht der Andere? Wie kann ich ihm beistehen? Wir werden dabei auch über die Grenzen unserer Gemeinde hinausdenken und auch andere miteinbeziehen, denen wir verbunden sind. Dazu gehört auch die St. Ignatius von Loyola Schule in Mosambik, die wir im Zug einer Partnerschaft unterstützen. So leben wir als Leib Christi und Christus lacht in uns und durch uns. Er lacht, weil er gewonnen hat. Und wir haben mit ihm gewonnen.


So wie in der Gemeinschaft der Getauften ein großes Lachen ist, so ist auch jedes ernsthafte Werk der Kunst ein Lachen. Denn es wurde als Ja zum Leben in eine Welt mit vielen Neins gestellt. Der Bau unserer Kirche ist ein solches Ja und
die neue Rauminstallation von Sabina Hörtner ist es auch. Die Musik ist ein solches Ja. Und die Dichtung ist ein solches Ja. Vielleicht ist jetzt mehr Zeit für Musik und Dichtung, mehr Zeit für Kunst. Auch mehr Zeit für das persönliche
Gebet. Die Konzilsgedächtniskirche wird Tag und Nacht geöffnet sein.


Ja, es gibt ein großes Lachen auch in dieser ernsten Situation. Es ist das Lachen eines Gottes, der für uns Mensch geworden ist, sein Leben für uns hingibt und für uns aufersteht, für einen jeden und eine jede von uns. Er lacht, weil er gewonnen hat. Mit ihm können auch wir lachen, weil wir gewonnen haben.


Gustav Schörghofer SJ