Gedanken zum Sonntag

Gedanken zum 4. Sonntag im Jahreskreis

Evangelium: Mk1,21-28 1. Lesung: Dtn 18,15-20 2. Lesung: 1 Kor 7,32-35

Und die Menschen waren voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat. [Mt, 1.22]

Ja, das würden wir uns heute auch wünschen: einen, der mit Vollmacht spricht. Eine „göttliche“ Vollmacht, wie es in der alten Einheitsübersetzung heißt, müsste es gar nicht sein. Gerade jetzt wäre es gut, gäbe es jemanden, der wüsste, was tun: wie die Ansteckungszahlen eindämmen, die Todeszahlen reduzieren, die Schäden für die Bildung minimieren, die Wirtschaft wiederaufbauen; wie möglichst rasch Impfstoff herbeischaffen, wie das öffentliche Leben, Kultur, Sport, Gottesdienste wieder aufsperren. Autoritäten, die sich nicht auf einander widersprechende Experten verlassen müssen, sondern die selbst wissen, was zu tun ist. Ja, das hätten wir gern. Gibt es aber nicht. Unsere Führungspersönlichkeiten, Politiker wie Wissenschaftler, stochern im Nebel, können nur zaghaft bis zur nächsten epidemiologischen Wegbiegung navigieren und hoffen, nicht vollends mit uns allen in die gesellschaftliche Katastrophe abzustürzen. Es geht nicht darum, gut aus der Krise kommen, sondern die Kollateralschäden möglichst gering zu halten. Denn eine Pandemie ohne gesundheitliche, wirtschaftliche, bildungsmäßige Kollateralschäden gibt es nicht. Gar nicht zu sprechen von der allgemeinen Erschöpfung, der Trostlosigkeit, die sich in vielen Seelen breitmacht. Wie schön, wenn uns da jemand mit Kraft und Stärke herausführte!

Jesus lehrt also wie einer, der „Vollmacht“ hat. Die Menschen in der Synagoge von Kafarnaum staunen darüber, sie wissen aber nicht, was sie davon halten sollen. Ein anderer hingegen weiß es ganz genau: Der Ungeist, der von einem Mann Besitz ergriffen hat. Jesus hätte von dem Mann gar keine Notiz genommen. Hätte der Ungeist sein Maul gehalten, könnte er weiterhin unbehelligt seinen Hausherrn quälen. So aber ist er seinerseits gequält von der Gegenwart des Heiligen, und es brüllt aus ihm hinaus ohne Not. Noch bevor Jesus irgendetwas sagt oder tut, bricht aus diesem Vertreter der Widermacht all seine Ablehnung des Heiligen hervor. Und bekräftigt damit die Anerkennung dessen, den er von sich weist: „Was haben wir mit Dir zu tun? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“ Gerade in der Zurückweisung Jesu formuliert er das tiefste aller Glaubensbekenntnisse: „Ich weiß, wer Du bist, der Heilige Gottes!“ –

Kann ein frommer und guter Mensch je zu so einer existentiellen Gottesgewissheit kommen? Ist das überhaupt möglich im Mittelmaß einer braven, rechtschaffenen, katholischen Existenz? Gott behüte, dass wir je von einem unreinen Geist geplagt würden. Doch krankmachende, quälende Geisteshaltungen kennt wohl jeder. Wer leidet nicht immer wieder an der Ungerechtigkeit des Schicksals, quält sich in unversöhnten Beziehungen, kennt das Hadern mit Gott? Meist spielt sich das in überschaubarem Rahmen ab. Die unreinen Geister sind selten geworden, gottseidank. Doch wo bleibt dann der eruptive Zorn, der gegen Gott schreit und gerade darin seine tiefe Beziehung mit ihm ausdrückt? Das Wüten in dem besessenen Mann erinnert mich an ein Gedicht von Christine Lavant, in dem auch sie gegen ihren Gott aufbegehrt:

Du hast mich aus aller Freude geholt,
Aber ich werde dennoch genau,
ganz genau nur so lange darunter leiden,
als es mir selbst gefällig ist, Herr.
Du hast mich im Zustand der wildesten Hoffart
und des zornigsten Mutes vor dir.
Heb deine Hand und schlag mich nieder,
ich werde dann nur um so höher springen,
und du wirst mich ewig vor Augen haben,
den kleinen roten zornigen Ball.

Was bei Christine Lavant diese Gottesanklage auslöst, bleibt im Dunkeln. Der Schluss des Gedichts lässt eine zerbrochene Liebe erahnen.

Jede Stelle wirft mich zu dir zurück,
weil du mich von jener einzigen Stelle,
wo ich Herz war und freudig und weich wie ein Vogel,
wegholtest, um mich zusammenzuballen
und ins ewige Leiden zu werfen.

Das fromme sich Dareinfügen scheint nicht ihre Sache zu sein. Sie schreit gegen Gott „in wildester Hoffart“ und im „zornigsten Mut“. Und dennoch: Obwohl sie sich von Gott „aus aller Freude geholt“ und „ins ewige Leiden“ geworfen fühlt, heißt es: „Jede Stelle wirft mich zu dir zurück.“ Gerade in ihrem Protest gegen Gott tritt sie in eine existentielle Beziehung zu ihm. Und obwohl das Gedicht unversöhnt endet, bleibt eine Ahnung: Ganz verloren ist die Sache nicht, weil das Band zu IHM nicht endgültig abgerissen ist.

Und in der Erzählung bei Markus? Unser besessener Mann, der arme Mensch, bleibt nur eine Randfigur. Ohne seinen Ungeist hätte Jesus ihn gar nicht wahrgenommen. „Schweig und verlass ihn!“ droht Jesus der Widermacht, und nach einem letzten, lautstarken Aufbäumen ist Ruhe. Wie es mit dem Mann weitergeht, erfahren wir nicht. Die heiligen und unheiligen Mächte haben auf seinem Rücken ihren Machtkampf ausgefochten, er weiß gar nicht, wie ihm geschehen ist. Nach all dem Gezerre und Geschrei, stelle ich mir vor, sitzt er nun ganz verdattert da. Dann macht er sich leise aus dem Staub, froh, seinen Plagegeist los zu sein und schnell, bevor es sich jemand anders überlegt. Überrascht wird er sein, denk ich mir, so unverhofft Heilung erfahren zu haben, und froh seinem weiteren Leben nachgehen. Ein bisschen wachsam wird er bleiben, weil er den Schrecken so lange inwendig miterlebt hat, immer auf der Hut, dass ihm das Böse nicht noch einmal widerfährt. Und eine Ahnung wird ihm bleiben, stell ich mir vor, eine Ahnung vom Göttlichen, das ihm so ganz nebenbei und entgegen aller Erwartung Heil hat zuteil werden lassen.

Eva Maria Kaiser
toccata1685@gmx.at

zum Downloaden: Gedanken 31.01.2021

Gedanken zum 3. Sonntag im Jahreskreis

Betrachtungen zum „Sonntag des Wortes Gottes“ am 24. Jänner 2021
Jona 3,1-5.10 · Psalm 25,4-5.6-7.8-9 · 1 Korinther 7,29-31 · Markus 1,14-20


„Lebendig ist das Wort Gottes und kraftvoll,“ sind die Verfasser des Hebräerbriefs überzeugt (4,12).

Als kraftvoll empfindet der Prophet Jona das Wort Gottes, das er - gegen seinen Willen - in die gottlose Großstadt Ninive hineintragen muss. Erst wollte er vor dem Auftrag Gottes schon weglaufen, die Flucht übers Meer gelang aber nicht, ein Fisch hat ihn zurückgebracht und ausgespuckt. Und das Wort Gottes, das ihn so kraftvoll aussandte, wirkt: „Die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an.“ So kraftvoll wirkt das von Jona gesprochene Wort Gottes, dass sogar Gott selbst das angedrohte Unheil reut und er die Stadt verschont.

Als Jesus durch Galiläa zu wandern beginnt, erleben es die Menschen ähnlich: Da ist einer, „der mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet“ (Markus 1,27). So neu ist die Lehre gar nicht, das „Kehrt um!“ kennen wir von Jona und auch von Johannes dem Täufer. Doch Männer, die bis dahin vom Fischfang leben, lassen alles liegen und stehen und gehen mit ihm, sie lassen ihre Betriebe und ihre Familien zurück und folgen ihm nach. Es braucht nicht viel: „Kommt her! Mir nach!“ (Markus 1,17)

Geht es Ihnen auch so wie mir: Wenn ich im Gottesdienst einen biblischen Text vorgelesen bekomme, trifft er mich oft
anders und tiefer, als wenn ich ihn allein für mich lese. Schade, dass wir das momentan nicht tun können. Aber wie trotzdem die Kraft des Wortes Gottes spüren? Zumal an diesem „Sonntag des Wortes Gottes“, den uns Papst Franziskus ans Herz legt.

Eine meiner Lieblingsstellen der Bibel möchte ich mit Ihnen teilen: Nach dem Herausführen aus Ägypten und einer
40-jährigen Wanderung durch die Wüste steht Mose am Ende seines Lebens und das wandernde Volk an der Schwelle zum gelobten Land. In seiner berührenden Abschiedsrede im Buch „Worte“ gibt Mose dem Volk die „Basics“ für das Leben im Land mit, auch übers Wort Gottes …

„Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und
verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist
ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30, 12-14)

· Welch eine Zusage: Das Wort ist bei dir!
· Es ist lebendig und kraftvoll!
· Es ist das, was auch dich lebendig macht und dir Kraft gibt!
· Es ist in deinem Herzen, du hast es schon erfahren!
· Es ist in deinem Mund, du kannst es anderen zusagen!

Erinnern wir uns also an alle unsere Lebensquellen und sagen wir das Wort denen zu, die es brauchen, denn ich bin
sicher: Das Wort Gottes ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt – und wohnt dort noch heute, gerade in Zeiten wie diesen.

Dass wir das täglich spüren, wünsche ich mir und uns allen
Gertrud Baumgartner, 19.01.2021
gertrud.baumgartner@gmx.net

zum Downloaden: Gedanken 24.01.2021

Gedanken zum 2. Sonntag im Jahreskreis

1 Sam 3, 3b-10.19 / 1Kor6, 13c-15a.17-20/ Joh 1,35-42

Mit dem letzten Sonntag und seiner Schilderung von der Taufe Jesu im Jordan ist die liturgische Weihnachtszeit zu Ende gegangen. Und schon bestürmen uns die Texte dieses Sonntags mit Erzählungen, in denen es um Berufung geht. Gerade so, als könnte es, nach dieser besonderen Zeit der Menschwerdung Gottes nicht schnell genug gehen, bis sich das Reich Gottes hier auf Erden vermehrt und wächst.


Aber welche Bilder entstehen, wenn wir das Wort Berufung hören? Geht es dabei um mystische Ereignisse, die nur selektiv einigen wenigen Auserwählten vorbehalten sind? Oder doch um etwas, an dem wir alle teilhaben können? Ich möchte nach einer kurzen Reflexion über das Rufen und gerufen werden mit einer persönlichen Erfahrung diese Betrachtung beenden.


Die erste Lesung erzählt vom Ruf Gottes, der an Sámuel ergeht. Nicht nur einmal – da ist kein Aufgeben oder Resignieren auf der Seite des Rufers. Und die Antwort Sámuels, dieses „Hier bin ich!“, hat die Kirche so sehr bewegt, dass sie bei der Vorstellung der Weihekandidaten in die Weiheliturgie integriert wurde. ER gibt bei Sámuel nicht auf, bis er eine Antwort auf diesen Ruf erhält. Erst dann geht die Geschichte weiter und es hat sich etwas verwandelt.


Ich bin überzeugt davon, dass der Ruf eines anderen Menschen auch diese verwandelnde Kraft in sich tragen kann. Wenn ich jemandem eine Fähigkeit zuspreche, sie oder ihn frage, ob diese Fähigkeit nicht erprobt werden könnte, so kann das Selbstvertrauen in der angesprochenen Person erzeugen und zum Nachdenken anregen. Ein solches Auffordern und Ermutigen sollte freilich nicht inflationär eingesetzt werden. Vielmehr kann hier die Unterscheidung der Geister helfen, wie sie in der ignatianischen Spiritualität verankert ist. Denn durch solchen Zuspruch, durch solche Anfragen wachsen weltliche Gemeinschaften, Kollektive und auch die Kirche.


Jesus spricht die späteren Apostel von Mensch zu Mensch an: „Kommt (und seht)“! Nach all diesen eindrucksvollen Schilderungen frage ich mich manchmal, warum wir so wenig rufen. Haben wir Angst vor der Reaktion des Gegenübers, das mit „Das kann ich nicht“ oder „Ich traue mir das nicht zu“ antworten könnte? Könnten wir dadurch nicht gerade das Gegenteil bewirken, nämlich Vertrauen und Neugier zu wecken?


Vor etwas mehr als 14 Jahren erging ein solcher Ruf eines Menschen an mich. Nein – es war keine mystische Erfahrung und der Himmel blieb auch so, wie ich ihn über Lainz-Speising gewohnt war. Und trotzdem kann ich mich noch heute gut an den Moment erinnern, an dem mich unser damaliger Pfarrer Wolfgang Dolzer gefragthat, ob ich mir vorstellen könnte, mich zum ständigen Diakon ausbilden zu lassen. Ich wusste damals nicht wirklich, was sich alles hinter diesem Begriff verbirgt und worauf ich mich einlassen würde. ABER es hat eine Saite in mir zum Schwingen gebracht. Meine Neugier war geweckt und dieser Ausdruck des Vertrauens hat mich angespornt, mich zu informieren und zu lernen. Die Anfrage
hat mir geholfen, mich auf den Weg einzulassen. Und dann habe ich erkannt, dass es für mich passt. Nun darf ich schon mehr als 8 Jahre den Dienst als ständiger Diakon ausüben. Das wäre wohl nicht oder ganz anders geschehen, wenn nicht dieser Ruf damals an mich ergangen wäre.


Was ich damals gelernt habe ist, dass es Aufmerksamkeit braucht, wenn man einem Mitmenschen einen Zuspruch machen möchte. Vor allem wenn es um Fähigkeiten geht, die ich sehe oder erahne, das Gegenüber für sich aber noch nicht erkannt hat. Und es darf nicht entmutigen, wenn die oder der Angesprochene Zeit zum Nachdenken und Verdauen braucht. Aber der Ruf kann etwas auslösen – und manchmal kann er auch aufgenommen werden.


Ich wünsche uns als Gesellschaft und vor allem als Kirche mehr von dieser Achtsamkeit, in den Anderen
etwas zu erahnen, was sie selbst vielleicht noch nicht wahrnehmen. Und den Mut, es doch einmal auszuprobieren.

Ralph Schimpl
Ständiger Diakon

zum Downloaden: Gedanken 17.01.2021