Mitteilungsblatt April 2026

​Liebe Pfarrgemeinde,

die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat 1966 einen Essay mit dem Titel „Against Interpretation“ – Gegen Interpretation – geschrieben.

Darin denkt sie darüber nach, wie wir Kunst und Geschichten verstehen. Oft
möchten wir hinter einem Bild oder Text eine tiefere Bedeutung finden. Das
nennen wir dann „Interpretieren“. Doch dabei, sagt Sontag, kann leicht das
verloren gehen, was eigentlich wichtig ist – das unmittelbare Erleben und das,
was uns dabei unmittelbar bewegt.

Man denke an die unzähligen Deutungen Kafkas. Oft wird die unmittelbare
befremdliche Wirkung der Texte dadurch abgeschwächt – oder, wie Sontag es
nennt, „gezähmt“ –, dass man sie in eine Interpretation übersetzt, die wieder
gut in unser Weltbild passt und uns nicht weiter beunruhigt. Das Ungeheuerliche
wird handhabbar gemacht, bekommt einen Platz in einer vertrauten Schublade und
stellt dann keine wirkliche Herausforderung mehr dar. Der „Prozess“ ist nur
noch halb so beunruhigend, wenn man ihn als Kritik am modernen Verwaltungsstaat
und seinen totalitären Folgen verbuchen kann.

Vielleicht haben wir auch die Auferstehung gezähmt?
„Das Grab ist leer, Christus ist auferstanden!“ – was sagen wir damit
eigentlich? In unserer alltäglichen Welt kommt so etwas wie Auferweckung von
den Toten nicht vor. Wir können es uns eigentlich nicht einmal vorstellen. Die
Auferweckung Christi bleibt ein einmaliges, nicht reproduzierbares Ereignis,
das sich dem Begreifen entzieht. Wir wissen davon nur, was die ersten Christen
bezeugt haben: Das Grab ist leer, er erschien den Frauen und später den
Jüngern, und sie erkannten ihn daran, dass er mit ihnen essen und trinken
konnte.
Natürlich lässt sich daraus vieles deuten. Etwa, dass es sich letztlich um
eine Auferstehung in den Glauben und die Verkündigung der Gemeinde handle –
dass die „Sache Jesu“ im Glauben der Gemeinde weiterlebt. Das mag nicht falsch
sein, aber es verengt den Blick. Solche oder ähnliche Interpretationen könnten
uns sogar daran hindern, das Unbehagen auszuhalten, das darin liegt, etwas
nicht erklären zu können. Vielleicht wäre es gut, zunächst einfach beim Staunen
zu bleiben. Es ist doch erstaunlich genug, dass dieser Mensch Jesus nicht im
Tod bleiben konnte. Hüten wir uns vor zu eindeutigen Deutungen. Wenn die
Auferstehung der Anfang der neuen Schöpfung ist, dann wird sie tatsächlich
etwas ganz Neues sein – so neu, dass wir bis heute keine Schublade dafür haben.
Vielleicht kann die Feier von Ostern eine Gelegenheit sein, ins Staunen zu
kommen. Und es könnte ja sein, dass dieses stille Staunen vor dem
unergründlichen Geheimnis der Auferstehung uns tiefer berührt als eine noch so
schöne Deutung.

Neu ist in diesem Jahr auch unsere Osterkerze. Sie wurde im Rahmen der
Firmvorbereitung von den Firmbewerberinnen und -bewerbern gestaltet. Und auch
hier gilt, frei nach Gertrude Stein: Ein buntes Quadrat ist ein buntes Quadrat
ist ein buntes Quadrat. Und das ist erfreulich genug.
Ihr P. Manfred Grimm SJ