zum Downloaden: Mitteilungsblatt Juli und August
Liebe Alle,
Die Sommerzeit ist für viele auch Lesezeit. Papst Franziskus hat 2024 in einem Brief über die Rolle der Literatur in der Bildung nachgedacht. Er beginnt: „Oft [lesen wir] in der Langeweile der Ferien, in der Hitze und Einsamkeit mancher verlassener Stadtviertel.“ Vielleicht denkt der Papst dabei auch an die Lebensgeschichte des heiligen Ordensgründers der Jesuiten, Ignatius von Loyola.
In seiner Bekehrungsgeschichte, dem Bericht des Pilgers, erzählt Ignatius, dass er während der Zeit seiner Genesung von einer Kriegsverletzung gerne seine gewohnten Ritterromane gelesen hätte; das war die populäre Literatur seiner Zeit. Nur gab es davon in seinem heimatlichen Schloss keine. Man fand dort nur die Legenda aurea und ein Leben Jesu. Ignatius begann, sich in diese Bücher zu versenken, stellte sich vor, wie es wäre, zu leben wie der heilige Franziskus, und beobachtete, dass diese Vorstellung ihn nachhaltig beflügelte und erfüllte, ganz anders als die gewohnten
Rittergeschichten.
Seine früheren Leseerfahrungen scheinen ihm nun schal und unnütz. Aber sie waren doch auch eine Voraussetzung dafür, dass er sich das Leben der Heiligen so lebendig vorstellen konnte. Ignatius hat durch das Lesen von Romanen gelernt, Geschichten mit allen Sinnen zu erleben. Die Geistlichen Übungen, die er später aufgeschrieben hat, leben von dieser Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen und darauf zu achten, welche inneren Regungen sie wachrufen.
Lesen fördert die Vorstellungskraft. Es bereitet uns so darauf vor, die Welt, die anderen und uns selbst facettenreicher wahrzunehmen. Das, was wir uns vorstellen können, bedingt ja auch unsere Wahrnehmung. Papst Franziskus spricht
davon, dass die Literatur uns die Vielfalt der menschlichen Erfahrung zeigt: all die verschiedenen Gefühle, Leidenschaften, Bestrebungen… Weil sie uns so hilft, besser zu sehen, Christus, wahren Menschen und wahren Gott, in seiner Menschlichkeit zu sehen und besser kennenzulernen – und so auch besser zu verstehen, was es heißt, dass er Gott ist.
Es geht letztlich nicht um Textverständnis, sondern um die persönliche Begegnung. Franziskus zitiert deshalb einen seiner Lieblingsschriftsteller, Jorge Luis Borges, der das Lesen als „Hören auf die Stimme eines Anderen“ beschreibt. Die
Bereicherung der Vorstellungskraft hilft auch, besser auf die Facetten und Nuancen zu achten, die in der Kommunikation eine so bedeutende Rolle spielen, und so auch dem Wort Gottes umfassender zu begegnen.
Und was ist Ihre Sommerlektüre?
… Ihr P. Manfred Grimm SJ

